Cover der Anthologie Fährten des Grauens
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Fährten des Grauens

Wer an Horrorliteratur denkt, dem fallen wahrscheinlich zunächst Romane und Erzählungen ein. Aber Gedichte? Hat das Grauen auch dort seinen Platz gefunden? Bei einem Blick alleine auf die deutschsprachige Lyrik kann die Antwort nur lauten: Ja! Wie die Auswahl von Texten im zweiten Teil dieser Anthologie belegt, hat der Horror auch in unserer Poesie schon seit Jahrhunderten seine unheimlichen Spuren hinterlassen. Ob beim Barockdichter Andreas Gryphius die Welt in letztem Brande verkracht, beim Expressionisten Georg Trakl alle Straßen in schwarze Verwesung münden, ob Johann Wolfgang Goethe den Erlkönig sein furchterregendes nächtliches Unwesen treiben lässt oder Annette von Droste-Hülshoff dem armen Knaben im Moor Schauer der Angst über den Rücken jagt – viel Grauen, viel Grusel, sogar in Goethes Heidenröslein, einem der bösesten Gedichte unserer Literatur, geht es doch in lieblich anmutenden Versen letztlich um eine Vergewaltigung.

Wir wollten wissen, ob die abgründige Thematik des Horrors auch bei deutschsprachigen Lyrikerinnen und Lyrikern der Gegenwart Anklang findet. So haben wir 300 von ihnen gebeten, uns entsprechende Gedichte zu schicken. Zwei Drittel haben darauf mit Einsendungen reagiert, Texte von rund 125 zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern haben wir schließlich im umfangreichen ersten Teil auf die Fährten des Grauens geschickt. Die Palette des Schauers reicht dabei vom subtilen, nicht immer leicht zu entschlüsselnden Gruselpoem bis zum blanken Horror. Morde, Serienkiller, Katastrophen, Naturgewalten, Krieg, Untergang, Splatter, Fantasy, Surreales, Geister, Zombies, Godzilla, Werwolf, Dracula, auch Scherz, Satire, Ironie – das Entsetzen ist in diesen größtenteils bisher noch unveröffentlichten Gedichten reich an dunklen und schrillen Farben.

Dunkel, unheimlich und expressiv sind auch die Abbildungen des Comic Künstlers Reinhard Kleist in dieser Anthologie. Sie sind seinem im Verlag Ralf Liebe erschienenen Band „Das Grauen in Red Hook“ (nach einer Kurzgeschichte von H. P. Lovecroft) entnommen. Reinhard Kleist, der 1970 in Hürth geboren wurde und heute in Berlin lebt, gehört zu den bekanntesten Comic-Zeichnern Deutschlands. So wurden Werke von ihm neben zahlreichen anderen Ehrungen dreimal mit dem renommierten Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnet. Mit dem Verlag Ralf Liebe verbindet ihn eine jahrzehntelange Zusammenarbeit.

Axel Kutsch