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“Wir haben kein Boot!” – unter der Markise mit Sonja Lewandowski und Svenja Reiner

Lauschig ist’s im Innenhof der Alten Feuerwache – wenn nicht gerade ein Schauer niedergeht. Doch genau das passiert in den ersten Minuten der Unterhaltung mit Sonja Lewandowski und Svenja Reiner, so dass das Interview hastig unter die einzig erreichbare Markise verlegt werden muss. Wo bereits Eltern, Kinder, Jugendliche lärmen, denen der Regenguss ebenfalls einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Doch die Festivalmacherinnen bringt das nicht aus der Ruhe: Unverdrossen berichten sie, wie es zum feministischen Literaturfestival “zu Inszenierungs- und Erinnerungspraktiken von Künstlerinnen” INSERT FEMALE ARTIST kam. Bis (wieder) Klarheit herrscht.
von Tilman Strasser

Ihr macht ein Literaturfestival in Köln, dabei gibt’s hier mit der lit.COLOGNE Europas größtes. Blöd gefragt: Braucht’s noch eins?

Sonja Lewandowski: Ist ja erstmal die Frage, wie man Festival definiert. Das ist schließlich ein Plastikwort geworden, alles heißt jetzt Festival. Unsere Idee war im Grunde, etwas zu machen, was bei den Musikfestivals die Fusion macht: Einen kollektiven Erfahrungs- und Gesprächsraum zu eröffnen, abseits des Mainstreams. Wo man Bildungsarbeit in einem lockeren Umfeld leisten kann, wo wir Publikum und Akteur*innen miteinander in Kontakt bringen wollen, wo auch komplexe Fragen verhandelt werden – wie eben die nach Diversität und Gleichberechtigung im Literaturbetrieb.

Svenja Reiner: Wir denken uns als dreitägige Gesamtveranstaltung, die ihre Formate aufeinander aufbaut. Und wir machen nicht nur Unterhaltung, ohne dass ich das irgendwie abwertend meine, sondern schließen auch wissenschaftliche Fragestellungen mit ein, versuchen also den Dialog zwischen künstlerischer und akademischer Praxis.

Sonja Lewandowski: Wir setzen Literatur auch in Bezug zu anderen Künsten, haken in benachbarten Sparten nach: Wie sieht’s bei euch aus im Kreativwesen, welche Erfahrung habt ihr mit Diskriminierung gemacht, wie wird dort die Künstlerin erzählt, fremderzählt, von sich selbst erzählt, wie wird sie geframed? Das kann man besonders niedrigschwellig gestalten, wenn man über Tage an einem Ort ist, wie hier in der Alten Feuerwache, wo wir auch gerade sitzen, und indem man Formate anbietet, die eher nicht der klassischen Wasserglaslesung entsprechen. Oh, und auch wenn es pathetisch klingt: In diesem Rahmen lassen sich dann auch Utopien austesten. Neue Ideen, wie man Literatur präsentieren kann, die heutzutage ja auch in starker Medienkonkurrenz steht. Hab ich noch was vergessen?

Svenja Reiner: Nö. Wir sind günstiger als die lit.COLOGNE! Wir haben kein Boot!

“Warum empfiehlt mir ein Mann immer ein Buch von einem Autor?”

INSERT FEMALE ARTIST untersucht die Lage der Autorin – in der Stadt, die sich gern für die toleranteste der Welt hält …

Sonja Lewandowski: An wen denkt man beim literarischen Köln? Als erstes an Heinrich Böll. Als das Stadtarchiv eingestürzt ist, wurde ununterbrochen Bezug darauf genommen: Wo ist Heinrich Bölls Nobelpreisurkunde? Wir sind mit Nachwuchsautor*innen ins Restaurationszentrum gegangen und haben uns angesehen, ob es auch eine andere Sichtweise geben kann. Denn was macht eigentlich die Sammlung von Irmgard Keun? „Das kunstseidene Mädchen“ war übrigens das erste ‚Buch für die Stadt‘ in Köln, die Kulturinitiative hat also gut angefangen. Aber seither wurden nur sechs Bücher von Frauen ausgezeichnet, zwölf von Männern.

Svenja Reiner: Der Musikbetrieb ist da ein bisschen weiter, dort fängt man nun an, Festivals zu boykottieren, bei denen nur Männer im Line-Up sind. Wir erleben eine große Resonanz in dieser Stadt, und wenn so viele Leute interessiert sind, ist das vielleicht auch ein Zeichen, dass das Festival hier gut aufgehoben ist.

Sonja Lewandowski (l.) und Svenja Reiner
Sonja Lewandowski (l.) und Svenja Reiner

Auch der Literaturbetrieb reklamiert oft für sich, an der Spitze des Diskurses zu stehen.

Sonja Lewandowski: Klar. Aber ernsthaft: Es geht gerade oft erst einmal um eine Bestandsaufnahme. Zum Beispiel im Rahmen des sogenannten Frauenzählens: In Studien, auch in privaten Initiativen wird geschaut, wieviel Bücher es von Autorinnen gibt und wieviel von Autoren. Wie häufig und groß werden sie im Vergleich besprochen? Wie sieht’s mit der Nominierung für Preise aus? Im zweiten Schritt wollen wir überlegen, wie wir das ändern können. Hat man erst einmal die Zahlen parat, kann man überlegen, wie eine feministische Kanonarbeit aussehen kann, wie sich festgefahrene Erinnerungskultur auflockern lässt.

Svenja Reiner: Warum empfiehlt mir ein Mann immer ein Buch von einem Autor? Und auch im akademischen Betrieb sind Lektürelisten immer männlich geprägt. Warum nennt mir der Professor in der Sprechstunde stets Sekundärliteratur eines anderen Professors? Das Perfide an dem Thema ist ja, dass die Normierungen ganz leise eingeschrieben sind in alle möglichen Bereiche, und dass sie bis tief ins Private reichen. Neulich hat Johannes Franzen (Bonner Germanist und auf dem Festival mit Vortrag & Gespräch präsent, d. Red.) auf Twitter alle Rezensionen zur neuen Werkausgabe von Ingeborg Bachmann gesammelt – und dann darum gebeten, dass nie mehr jemand über Ingeborg Bachmann schreibe, weil die Feuilletonstimmen so fürchterlich misogyn waren. Dabei geht es übrigens nicht darum, Leute anzugreifen und zu sagen: Ihr seid schuld, weil ihr das falsche lest. Es geht darum, nachzudenken, warum wir etwas lesen. Ob wir wirklich manche Themen so ungemein wichtig finden und andere gar nicht.

Sonja Lewandowski: Stimmt. Ich denke auch, dass es bei diesen Debatten sehr wichtig ist, in welchem Ton sie geführt werden. Man spürt oft eine große Unsicherheit, wenn die Sprache auf feministische Themen kommt. Manchmal geht es schon damit los, dass übersetzt werden muss: Was heißt denn eigentlich heteronormativ? Dagegen setzen wir auf ein learning by doing. Vielleicht nochmal am Beispiel unseres Programms: Wir bieten Workshops für Jugendliche, zum Beispiel mit der Fotografin Sandra Stein, wo wir uns ansehen, wie Künstlerinnen medial dargestellt werden. Da kommt auch Berit Glanz dazu, eine Debütantin aus dem Schöffling-Verlag (deren Roman „Pixeltänzer“ frisch auf der Aspekte-Shortlist steht, d. Red.), die aus der Praxis erzählen kann. Und diese Erkenntnisse wollen wir dann wieder auf die analytische Ebene ziehen, verbinden mit den wissenschaftlichen Formaten, den Aufmerksamkeitsraum nutzen, den #MeToo geschaffen hat. Um uns nicht im Persönlichen zu verlieren und hinter Debatten und Theorien, die es schon gibt, zurückzufallen.

“Sagen wir einfach, ich war an einem bestimmten Abend sehr wütend.”

Aber wie soll das mit der Beteiligung des Publikums funktionieren? Die Leute sind doch immer so verstockt!

Svenja Reiner: Ha, wir haben tatsächlich ein Format namens World Café, in dem Leute aus unterschiedlichen Disziplinen kurze Inputs geben, fünf Minuten lang – und sich dann mit dem Publikum an Tischen zusammensetzen und diskutieren. Niedrigschwelliger geht es, glaube ich, nicht mehr. Wenn jemand etwas sagen will, kann sie oder er in diesem Moment etwas sagen.

Sonja Lewandowski: Und die Beteiligungsstrategien greifen ja auch schon vor dem eigentlichen Festival. Wir haben Kooperationen, zum Beispiel die erwähnte mit dem Stadtarchiv. Oder mit der Kunsthochschule.

Svenja Reiner: Diese Vernetzung ist ein Aspekt, der uns unter Nachhaltigkeitskriterien sehr wichtig war. Es sind insgesamt zwölf Produktionspartner und drei Koproduktionspartner. Schließlich sind wir auch nicht die ersten, die sich mit feministischen Themen auseinandersetzen, wir haben da auch doll profitiert und deshalb explizit andere Erfahrungen und Wissensstände hinzugezogen.

INSERT FEMALE ARTIST
INSERT FEMALE ARTIST

Bevor ihr all das getan habt: Wie kam es überhaupt dazu, dass ihr gemeinsam ein solches Projekt angegangen seid? Was war der Ursprungsmoment?

(beide lachen)

Sonja Lewandowski: Darf ich kurz fragen, wo das hier veröffentlicht wird?

Im Literaturkalender Köln. Liest niemand.

Sonja Lewandowski: Gut! Dann können wir Namen nennen.

Bitte!

Svenja Reiner: Nichts da. Sagen wir einfach, ich war an einem bestimmten Abend vor einiger Zeit sehr wütend. Niemand kann sich erklären, wie dieser Zustand eingetreten ist, aber vielleicht kam ich von einer Lesereihe. Vielleicht haben wir uns danach noch am Ebertplatz getroffen, vielleicht saßen wir da und beschlossen, das machen wir anders, wir machen ein Festival zusammen.

Sonja Lewandowski: Es ging alles sehr schnell. Wir haben unheimlich viel über die Komplexe geredet, die wir hier auch gerade besprochen haben. Außerdem hat mich meine Feldforschung ein wenig hilflos gemacht (Sonja Lewandowski forscht im Rahmen ihrer Doktorarbeit ethnographisch-literaturwissenschaftlich zu sg. Schreibschulen, d. Red.). Je mehr ich beispielsweise zur Sexismus-Debatte in Hildesheim gelesen habe, je mehr ich selbst gesehen habe, wie dominant männlicher Blick von männlichen Dozierenden auf männliche Autoren ist, desto überraschter war ich – ich hätte gedacht, dass wir da weiter wären. Und ich kam in die Bredouille, denn einerseits war das neutrale Forschungsarbeit. Andererseits dachte ich aber: Da muss man was dran tun. Es kann nicht sein, dass immer noch so wenig Selbstbewusstsein unter jungen Autorinnen herrscht! Übrigens werden auch im Kölner Raum die Projekte vornehmlich von Männern gemacht. Die, die das Geld einsammeln, sind zumeist Männer, und wir haben uns auch deshalb sehr schnell gefunden, weil wir wenig Frauen sind. Aber wir haben Interesse, da mitzumischen.
Svenja Reiner: Und die sichtbar geworden sind. Ich weiß noch, wie ich in meiner privaten Textwerkstatt gemerkt habe, dass ich alle Frauenfiguren in meinen Texten immer zu Männern umschrieb, bevor ich sie dort einschickte.

Echt? 

Svenja Reiner: Ja. Weil sie anders diskutiert wurden. Wenn männliche Figuren Gefühle hatten, konnte man darüber reden, dann war das nicht so ein Befindlichkeitszeug. Mir fällt es auch einfacher, mit männlichen Figuren diskutiert zu werden – für meine Frauenfiguren habe ich mich auch geschämt.

“Wenn Stefanie Sargnagel an der Regierung ist, hören wir auf”

Sonja Lewandowski: Das ist auch ein Grund, aus dem ich unser Festival so wichtig finde: Das literarische Gespräch. Das, was nach einer Lesung stattfindet, in Textwerkstätten oder eben an Schreibschulen. Ich hatte dabei immer ein Gefühl von Unzulänglichkeit, es gab immer noch diese ganzen Männer, die ich nachholen musste, lesen sollte. Erst über Twitter habe ich angefangen, andere Formen des literarischen Gesprächs zu entdecken, weil dort ein ausgeglicheneres, literarisches Gespräch von Frauen stattfindet, die ihre Literatur machen, lesen, diskutieren. Das hat mich total beflügelt! Der alltägliche Austausch über Literatur ist dagegen immer noch asymetrisch, finde ich.

Gibt also viel zu tun! Wird aus dem Festival eine Festivalserie?

Svenja Reiner: Wenn Stefanie Sargnagel an der Regierung ist, hören wir auf.

Sonja Lewandowski: Echt, Stefanie Sargnagel? Wir merken jedenfalls, dass wir da was losgetreten haben. Welche Resonanz allein der Titel bekommt: INSERT FEMALE ARTIST ist ja bewusst etwas knalliger gewählt.

Svenja Reiner: Jetzt gucken wir erst einmal, wieviele Leute überhaupt kommen. Wenn es die Initiative nicht mehr braucht, wenn der Feminismus sich irgendwann selbst überflüssig gemacht hat, dann brauchen wir auch kein Festival mehr.

Vielen Dank für das Gespräch!

*** INSERT FEMALE ARTIST findet vom 27. bis zum 29. September 2019 in der Alten Feuerwache Köln statt. Das Programm, wie überhaupt alle weiteren Informationen, sind auf der Festival-Website einsehbar. Dort gibt’s auch Tickets. ***

 

 

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Kategorie: Interviews & Gespräche