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“Viele tolle Pläne” – Ulrike Schulte-Richtering im virtuellen Gespräch

Das Literaturhaus Köln hadert mit der Krise, wie alle Kultur- und anderen Institutionen. Doch wer den Newsletter des Hauses abonniert hat, staunt – denn der vermeldet regelmäßig in so heiter-gelassenem Ton programmatische Neuigkeiten, dass man kaum anders kann, als erleichert durchzuatmen und die Pandemie für einen Moment zu vergessen. Geschrieben wird er von Ulrike Schulte-Richtering, und das ist längst nicht alles, was die neue Mitarbeiterin im Haus Bachem auf den Weg bringt.
von Tilman Strasser

Du hast am 1. März 2020 die Stelle für Öffentlichkeitsarbeit und
Programm-Mitgestaltung im Literaturhaus Köln angetreten – also kurz vor dem ersten Lockdown. War’s ein schwerer Start, direkt unter Pandemie-Bedingungen?

Kein schwerer, eher ein anderer, merkwürdiger Start. Tatsächlich habe ich das alltägliche Veranstaltungsgeschehen im Literaturhaus überhaupt gar nicht erst kennengelernt, somit hat mir auch jeder Vergleich gefehlt. Bettina Fischer hat mit dem Lockdown sehr schnell das Team zusammengetrommelt und klargemacht, dass wir jetzt nicht in Selbstmitleid versinken wollen, sondern dass das Literaturhaus – auch ohne Veranstaltungen – für das stehen soll, was es immer tut: die Vermittlung von Literatur. Das hat mir gefallen. Aus diesem Gedanken heraus konnten wir kreativ werden und es entstanden die »Kölner Literaturclips«, fünfminütige Lesungen von Kölner Autorinnen und Autoren auf YouTube, und unsere Aktion #zusammenlesen, die es bis heute gibt. Trotz der auch für das Literaturhaus schwierigen Lage war mein Start also ein sehr kreativer, herausfordernder. Und schön allemal, denn die neuen Kolleginnen haben mich direkt sehr warm und herzlich empfangen.

Sehr herzlich, sehr offen, sehr neugierig

Die beiden Digital-Initiativen zeigen zugleich ein tolles Panorama der Kölner Literaturszene. Hast Du die darüber auch noch besser kennengelernt oder kanntest Du vorher schon alle Akteur*innen?

Auch das für mich beinahe ein Glück: In sehr kurzer Zeit konnte ich über die »Kölner Literaturclips« und #zusammenlesen Kontakte zu vielen Akteurinnen und Akteuren der Literaturszene herstellen, die ich vorher noch nicht kannte. Durch meinen vorherigen Job als Lektorin bin ich mit der Verlagsszene vertraut, die Kölner Literaturszene war mir nur in Teilen bekannt.

Dann kannst Du ja noch einen noch fast ganz unbefangenen Blick auf diese Szene werfen! Wie nimmst Du sie wahr?
Und, Zusatzfrage: Stehen künftig noch weitere (Digital-)Aktionen auf dem Plan, um Vernetzung und Präsentation der hiesigen Akteur*innen zu fördern?

Die Szene ist in meinen Augen typisch für Köln: sehr herzlich, sehr offen, sehr neugierig. Für meinen Geschmack könnte sie noch etwas lauter auftreten: Deshalb freut es mich, dass der 2018 gegründete Verein „Literaturszene Köln“ die Vernetzung und das Miteinander der Kölner Literaturschaffenden noch mehr fördert und damit die Wahrnehmung der Öffentlichkeit für die Szene dann auch hoffentlich noch mehr steigen wird.
Und zur Zusatzfrage: Ja, es gibt viele tolle Pläne. Schon für den Dezember planen wir eine Neuauflage der Literaturclips. Aber da will ich nicht zu viel verraten. (Anm.: Das Interview wurde im November geführt, inzwischen ist die Adventsüberraschung enthüllt)

Ein ganz und gar atemloser Text

Dann verrat doch noch etwas zu Deinem Werdegang! Wo und wie lange warst Du denn vor Deiner neuen Arbeit Lektorin? Und vermisst Du nicht manchmal das, was man diesem Beruf so gern unterstellt – das ruhige, geduldige, ausführliche Arbeiten am Text?

Ich habe die letzten Jahre im Naumann & Göbel Verlag gearbeitet, vorher z.B. beim area verlag, bei DuMont monte. Das Lektorinnen-Sein bei NGV war nur ein Bruchteil meiner Arbeit. Von der Buchidee bis zum Druck des Buches galt es alles zu bespielen: Marktanalyse, Buch-Konzeption, die Arbeit mit Autor*innen, Setzer*innen, Grafiker*innen, Kommunikation zwischen allen Gewerken, Troubleshooting, Vermarktung … ein ganzer Strauß an verschiedenen interessanten Arbeiten. Und jede einzelne finde ich, natürlich immer ein wenig anders gelagert, im Literaturhaus wieder – gerade in dieser merkwürdigen Corona-Zeit. So schließt sich der Kreis, und mit diesem Mix aus vertrautem Alten und herausforderndem Neuen bin ich sehr gerne im Literaturhaus.

Du bist, wenig verwunderlich, selbst auch leidenschaftliche Leserin (so kommt’s jedenfalls in sozialen Netzwerken rüber)! Gab’s eine Lektüre in letzter Zeit, die Dich besonders beeindruckt hat? Und war da, trotz Corona, auch schon eine, auf die Du erst durchs Literaturhaus aufmerksam wurdest?

Einen kleinen, sehr extremen Roman kann ich, seit ich ihn vor einiger Zeit gelesen habe, nicht vergessen: „Stirb doch, Liebling“ von Ariana Harwicz. Eigentlich schon 2012 auf Spanisch, in Deutschland 2019 bei C.H.Beck erschienen. 2018 für den Man Booker Preis nominiert. Der Roman erzählt, wie eine junge Mutter in der französischen Provinz völlig unglücklich dahinvegetiert. Wie sie dabei durchdreht, wahnsinnig, zur Bestie wird. Da tauchen dann so Sätze auf wie „Mit der einen Hand bereite ich das Essen zu, mit der anderen erdolche ich mich. Wie gut, zwei Hände zu haben. Wie praktisch.“ Ein ganz und gar atemloser Text, der schockiert, verstört, der aber auch etwas sehr Dunkel-Faszinierendes hat. Literatur als Alptraum, Gradmesser von Wirklichkeit, bei der die Grenzen des Sagbaren ausgelotet werden. Ähnlich wie auch die Romane von Anke Stelling oder Isabelle Lehns „Frühlingserwachen“. Aber wirklich sehr viel krasser!
Und ich lese gerade begeistert Kurt Drawert: „Dresden. Die zweite Zeit“. Ein Buch, auch bei C.H.Beck erschienen, das mich sehr anrührt, zumal ich selbst in Dresden gelebt habe und meine Familie von dort kommt. Kurt Drawert, der nach vielen Jahren als Stadtschreiber in seine Heimatstadt zurückkommt, ringt in diesem Buch auf sehr feinsinnige, sprachgewaltige, immer aber auch analytische Art und Weise um ein Verstehen, was da in den letzten Jahrzehnten im Osten passiert ist. Er sucht und, wie ich glaube, findet eine Sprache für die Zerrissenheit der Menschen, der Stadt, des Landes, für die politisch aufgeladene Stimmung. In Zeiten der Polarisierung tut dieses Buch sehr gut.

Am richtigen Ort

Ja, das Programm des Literaturhauses inspiriert mich natürlich auch zum Lesen: Brit Bennett „Die verschwindende Hälfte“ (dazu machen wir am 25. Januar 2021 eine Veranstaltung) oder Ronya Othmann „Die Sommer“ (zum Glück konnten wir diese Lesung im Oktober vor Publikum realisieren). Ganz besonders aber ist mir das Satelliten-Festival im September in Erinnerung geblieben. Acht Lyrikerinnen und Lyriker sind dort zusammen mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern aufgetreten — und endlich habe ich mich wieder etwas länger als nur abends vorm Einschlafen mit Lyrik beschäftigen können. Alexandru Bulucz’ Gedichtband „was Petersilie über die Seele weiß“ oder die Performance von Anja Utler oder aber Marcel Beyer in Kombination mit dem Künstler Manos Tsangaris … das alles klingt noch nach. Und hat große Lust auf mehr Lyrik gemacht!

Und so passioniert, wie Du über Texte sprichst – was ist mit dem Schreiben? Überlässt Du das anderen oder sagst Du in diesem Fall niemals nie?

Ich kenne eigentlich fast niemanden in meinem Bekanntenkreis, der kein Manuskript (oder zumindest die Idee dazu) in der Schreibtischschublade liegen hat. Ich gehöre wohl zu denen, die nach dem „Ja, ich schreibe“ immer auch das „Aber“ liefern: keine Zeit, zu unsicher, zu viel andere Arbeit, abgelenkt, etc.pp. Das ist bei mir der Status Quo, und solange das so ist, fühle ich mich gerne denen verpflichtet, die mit ihrem Schreiben an die Öffentlichkeit gehen. Im Literaturhaus bin ich da ja am richtigen Ort.

Vielen Dank für das virtuelle Gespräch!

*** Ulrike Schulte-Richtering lebt mit Mann und Sohn im Belgischen Viertel; unter @ulrimari kann man auf Instagram sehen, was Ulrike gerade liest oder welche Fotos fast täglich morgens, um zwanzig nach acht entstehen. ***

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Kategorie: Interviews & Gespräche