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„Keine Angst vor schrägen Themen” – im Jungen Literaturhaus mit Ines Dettmann

Das erste Junge Literaturhaus in Deutschland? Gab’s in Köln – mit Ines Dettmann: Sie verantwortet seit über zehn Jahren das Programm. Und ist nebenbei noch Dozentin, Journalistin, Moderatorin und selbst vierfache Mutter. Im Gespräch verrät sie, was sie an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen fasziniert, bei welcher Veranstaltung sie einmal am liebsten im Boden versunken wäre und wie ihre eigenen Kinder den Job finden.
Von Janika Valentin

Du bist die Leiterin des Jungen Literaturhauses Köln …

… das 2007 mithilfe der RheinEnergieStiftung Kultur eröffnet wurde. Ich hab damals zum ersten Januar angefangen und im August sind wir offiziell mit dem Jungen Literaturhaus gestartet. Wir haben mit Jugendveranstaltungen begonnen, weil es schon das Projekt „MeinBlock“ gab – mit dem haben wir Jugendliche eingeladen, die Lust hatten, kreative Texte zu schreiben oder journalistisch zu arbeiten. Das Projekt gibt es inzwischen leider nicht mehr, weil die Veranstaltungen für Kinder dazukamen und das alles zu viel wurde.

Du machst inzwischen vorrangig Kita- und Schulveranstaltungen. Fehlt es Dir, mit Jugendlichen zusammen zu arbeiten?

Ich finde eine gemischte Altersklasse super. Umso größer die Bandbreite ist, mit der du was machen kannst, desto spannender. Die „Jugendlichsten“, die wir im Moment im Buchklub dabei haben, sind zwischen zwölf und vierzehn. Die kommen auch aus eigenem Antrieb und nicht, weil die Eltern es ihnen aufgetragen haben. Das ist bei den Kleinen eine Sache, die ich manchmal anstrengend finde: Es gibt sehr ambitionierte Eltern, die wirklich das Allerbeste für ihre Kinder wollen – aber sie dabei auch mal überfordern. Perspektivisch wäre es jedenfalls toll, wenn wir es wieder schaffen würden, ein Programm für den gesamten Altersbereich von drei bis zwanzig zu machen.

(c) privat
(c) privat

Erzähl doch mal ein bisschen von deinem Arbeitsalltag. Was sind deine Aufgaben?

Zum einen ist da natürlich die Veranstaltungsorganisation: Newsletter schreiben, Poster gestalten und aufhängen, Facebook und Instagram pflegen, die Homepage aktuell halten, sich um die Autoren kümmern, Requisiten vorbereiten, etc. Zum anderen bin ich für das Programm verantwortlich. Ähnlich wie im Literaturhaus sind da die beiden großen Fixpunkte die beiden Buchmessen: Leipzig im Frühjahr und dann im Herbst Frankfurt. Mit den Verlags-Kollegen muss man aber auch zwischendurch immer im Gespräch bleiben. Und es ist wichtig, den Kontakt zu den Kölner Kinder- und Jugendbuchautoren zu halten. Pro Quartal laden wir mindestens eine oder einen ein.

Es gibt nichts Tolleres

Inwiefern findest du es bereichernder, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, als mit Erwachsenen?

Meine Eltern sind beide Lehrer und als Kind war das mein Traumberuf. Aber als Lehrer ist man auch sehr festgelegt – und ich finde toll, dass man mit Kindern unheimlich flexibel im Kopf sein muss. Dass die einen total fordern, aber gleichzeitig, wenn sie einen mögen, auch super ernst nehmen. Und dass man als Bezugsperson ganz wichtig für sie sein kann. Überhaupt: Menschen groß werden zu sehen, das ist ein sehr schöner Aspekt des Jobs. Wie zum Beispiel Katharina Mevissen, die ich das erste Mal getroffen habe als sie 13 war. Da hat sie mir bei dem Schreibprojekt „MeinBlock“ ihre ersten Fantasy-Texte gezeigt. Jetzt ist sie 27, veröffentlicht ein Buch beim Wagenbach-Verlag und wird im Frühjahr 2019 im Literaturhaus lesen. Es gibt nichts Tolleres, als sagen zu können, man hat einen jungen Menschen auf seinem Weg begleitet.

Klingt traumhaft. Gab es auch mal eine Veranstaltung, die der reinste Albtraum war?

Ich kann mich an eine Veranstaltung mit Monika Feth erinnern, die wir zusammen mit der lit.kid.cologne gemacht haben. Damals waren wir noch in der Schönhauser Straße im Forum für Fotografie und der Raum musste für jede Veranstaltung neu bestuhlt werden. Die Lesung war um 17 Uhr und wir hatten jemanden, der eigentlich immer für uns aufgebaut hat – nicht immer ganz zuverlässig. Um drei gehe ich also dahin und sehe: Es steht kein einziger Stuhl. Und außerdem auch noch keine Bühne! Ich habe dann die Kollegen zusammen getrommelt und angefangen, mit denen aufzubauen. Doch schon klopft es an der Tür und Monika Feth steht vor mir. Es war so schrecklich! Und mir natürlich furchtbar peinlich. Aber Frau Feth hat dann einfach mit angepackt und die Stühle für ihre eigene Veranstaltung mit aufgebaut. Das ist bis heute ein Witz zwischen uns beiden.

Und hast du spontan auch eine Lesung im Kopf, die besonders schön war?

Wir haben vor drei Jahren eine Veranstaltung mit der niederländischen Autorin Johanna Reiss gemacht, zu ihrem Roman „Und im Fenster der Himmel“, eine Fluchtgeschichte aus ihrer Kindheit. Während des Zweiten Weltkriegs hat man in den Niederlanden jüdische Kinder aufs Land gebracht und bei Bauern versteckt. Die Autorin hat mit ihrer Schwester tagsüber in einer Kammer gesessen und durfte nur nachts raus. Ich finde solche Themen gerade für Jugendliche wichtig. Nun ist Johanna Reiss schon 84, da stellt man sich eine ältere, betuliche Dame vor. Aber bei weitem nicht! Quietschfidel stand sie dann vor mir – so groß wie ich, 1,60 Meter, total schlank, bequeme Laufschuhe und Leggings an – und sagt: „Ich brauche ein Handmikrofon, ich gehe immer zu den Schülern hin und rede mit denen. Ich kann nicht nur vorne rumstehen.“ (lacht) Die hatte eine solch positive Energie! 90 Schüler waren da, siebte und achte Klasse, da hat man normalerweise einige, die (gähnt demonstrativ) sehr deutlich ausdrücken: Das ist alles ätzend. Aber Johanna Reiss hat die so mitgenommen, die waren nachher wirklich alle berührt. Da haben sich Jugendliche selber ein Buch gekauft, von ihrem Taschengeld. Das war so eine Veranstaltung, von der ganz viel hängen bleibt.

Totaler Quatsch

Bleiben wir beim Traumhaften: Wie sieht die ideale Zukunft des Jungen Literaturhauses aus?

Perspektivisch finde ich es toll, das Programm auszuweiten und das Junge Literaturhaus vor allen Dingen nicht mehr alleine zu machen. Ich bin ja jetzt auch schon relativ lange dabei und jemand Neues und Jüngeres würde frischen Wind reinbringen. Ich finde das Miteinander total bereichernd, und sich im Zweifelsfall auch mal zu reiben. Früher war es immer mein Traum, eine Veranstaltung mit Astrid Lindgren zu machen, aber das hat sich leider, schon bevor es das Junge Literaturhaus gab, erledigt. Ich fände es auch schön, den Standort noch ein bisschen ausbauen zu können. Es wäre großartig, eine Form von einem mobilen Jungen Literaturhaus zu schaffen, mit dem man auch in die Kölner Stadtteile reingehen könnte.

(c) Francesca Magistro
(c) Francesca Magistro

Aber du würdest schon sagen, dass die Kinder- und Jugendliteratur sehr präsent ist in der Kölner Literaturszene?

Die kann natürlich noch präsenter sein. Aber wir haben wirklich viele erfolgreiche Kinder- und Jugendbuchautoren hier, die sich auch im Austausch befinden. Die SK Stiftung Kultur macht die Kinder- und Jugendbuchwochen, die lit.kid.cologne macht eine tolle Arbeit, die Stadtbibliothek sowieso. Und wir beim Jungen Literaturhaus machen auch das ganze Jahr Programm. Es ist klasse, dass nicht jede Institution für sich alleine ihr Süppchen kocht, sondern dass wir versuchen, uns zu vernetzen und zu verbinden. Auch wenn Köln eine große Stadt ist, spricht man immer nur eine bestimmte Gruppe von Menschen an, und wenn man sich gegenseitig ständig das Publikum wegnimmt, ist das totaler Quatsch und unnötiger Energieverschleiß. Da sollte man lieber die Kräfte bündeln und zusammen arbeiten, kooperieren.

Raus aus der Pädagogik-Ecke

Du bist eine sehr vielbeschäftigte Frau: vierfache Mutter, die Leiterin des Jungen Literaturhauses, Mitglied der Kritikerjury für „Die besten 7 Bücher für junge Leser“ und „BEO“, dem Kinderhörbuchpreis, dann hast du auch noch Lehraufträge an der TH Köln und bist für den WDR und den Deutschlandfunk tätig … Wie stemmst du das?

Abgesehen davon, dass es schwer ist, im Kulturbereich von nur einem Job zu leben, finde ich es schön, dass ich das, was ich immer sein wollte – Lehrerin – an der TH sein kann, ohne dass ich nur Lehrerin sein muss. Vor allem journalistisch zu arbeiten macht mir total viel Spaß. Features für den Deutschlandfunk zu machen ist super, eine Live-Sendung zu moderieren ist nochmal ein besonderer Kick und hilft mir außerdem, Struktur in meine Veranstaltungsorganisation zu bekommen. Und Kritikerjurys sind natürlich schön, um sich zum einen mit Kollegen auszutauschen, und zum anderen, in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur oder im Hörbuch- und Hörspielmarkt auf dem Laufenden zu bleiben. So unterschiedliche Sachen zu machen ist manchmal schon sehr anstrengend, aber ich empfinde es an vielen Stellen als bereichernd. Die meisten Sachen, die ich so mache, greifen ineinander. Und alles andere kommt in meiner Freizeit oben drauf. (lacht)

Und hast du deine Literaturbegeisterung an deine Kinder weitergegeben?

Wir lesen jeden Abend mit den Kindern. Ich bin wirklich fasziniert, wie begeistert die alle von Büchern sind. Ich finde es toll mit ihnen Bücher zu lesen, die ich zugeschickt bekomme, und dann ihre Reaktion zu beobachten. Das ist ein ganz wichtiger Moment. Und ich finde es superschön, wenn die Kinder mit zu Veranstaltungen hierhin kommen und sich auch darauf freuen. Thomas Pelzer (Anm.: Kölner Erzähler und Radiosprecher) ist bei uns zuhause zum Beispiel immer der Bilderbuch-Thomas (lacht). Meine Kinder würden mir aber auch ehrlich sagen, wenn sie etwas doof finden.

Wie man an den Namen deiner Kinder (Anm.: Jonte, Moa, Ava, Ole) erkennen kann, hast du privat eine gewisse Affinität zu Skandinavien. Ist das auch bei der Literatur so?

Bei den Skandinaviern fand ich immer gut, dass sie keine Angst vor schrägen Themen haben. Die Kinder- und Jugendliteratur dort ist progressiv – da spielt die Literaturförderung auch eine ganz große Rolle. Deutschland hat aber in den letzten elf Jahren, in denen ich mich in der Szene bewege, viele Fortschritte gemacht. Man versucht, Qualität und Illustration zu fördern, geht raus aus der Pädagogik-Ecke. Wie die Kinder- und Jugendliteratur in einem Land funktioniert, zeigt eben auch, wie wichtig Kinder und Jugendliche dort sind. Es gibt hierzulande viele tolle Autoren, tolle kleine Verlage mit tollen Programmen, eine große freie Szene, die gepflegt werden muss. Und auch das sehe ich als Aufgabe eines Jungen Literaturhauses.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

***Mehr Infos zum Jungen Literaturhaus Köln sowie zum aktuellen Programm gibt’s auf der Website: www.junges-literaturhaus.de***

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Kategorie: Interviews & Gespräche