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“In der Nähe von Menschen nisten” – im Büro mit dem Launenweber Verlag

Braunsfeld am Rand zum Stadtwald: In dieser gehobenen Gegend sind die Gartentore schmiedeeisern, die Grashälme gestutzt, flanieren gestriegelte Pudel über frisch gefegte Gehsteige. Doch hinter einer der eindrucksvollen Fassaden rumoren literarische Pläne: Der Launenweber Verlag hat sein Büro in Sichtweite zu Parkplatanen, blickt aber auf eine wendungsreiche Geschichte und einer spannenden Zukunft entgegen.
von Tilman Strasser

Wie lange gibt es Launenweber nun schon?

Christian Berglar: Die ersten Bücher gab’s im Frühjahr 2017. Aber gegründet haben wir Launenweber schon im Herbst 2015, und die ersten Überlegungen für ein gemeinsames Verlagsprojekt konkretisierten Salvatore und ich im Frühjahr desselben Jahres. Damals haben wir überlegt, welche literarischen Richtungen uns interessieren und welche Rahmenbedingungen zunächst wichtig sind, bis hin dazu, wen wir noch wie einbinden möchten. Vor allem haben wir erst einmal ein Programmkonzept auf den Weg gebracht.

Christian Berglar (r.) und Salvatore Tufano

Wie sieht’s denn aus, das Konzept?

Christian Berglar: Es gibt fünf Reihen. Wir veröffentlichen junge deutsche Prosa in der Sparte „LW erzählt“, italienische Literatur in „LW italica“, außerdem gibt es „LW essay“, für literarische Portraits „LW portrait“, und die Wiederentdeckung von Texten vergangener Tage findet sich in „LW reloaded“. Das war die Grundaufstellung, und zunächst wollten wir überall eine Publikation anschieben. Danach war rasch klar, dass es kaum darstellbar sein würde, immer im Gleichschritt einen Band pro Reihe je Saison zu veröffentlichen. Man kann sich das also vorstellen wie ein Rennen, in dem sich das Feld nach dem Start unterschiedlich formiert. Aktuell liegt „LW italica“ in Führung, gefolgt von „LW erzählt“ und „LW essay“, bei „LW portrait“ ist dagegen erst ein Band erschienen.

Was man nicht kaufen kann, ist Reputation

Das heißt aber auch: Als ihr angefangen habt, hattet ihr zwar eine klare Idee – aber noch keine Autorinnen und Autoren?

Christian Berglar: Stimmt – wir wollten erst einmal ein Gerüst für sie aufbauen. Und eine Vision entwickeln. Für die Portrait-Reihe gab’s zum Beispiel das große Vorbild Stefan Zweig: Wie der in seinen Büchern historische Persönlichkeiten zugleich in Biographie- wie Romanform ausgeleuchtet hat, das fand ich schon immer faszinierend.

Salvatore Tufano: Das Programm ist dann im Dialog entstanden. Wir haben gemeinsame Neugierden ausgelotet und sind auch mal auf Umwegen zu unseren Titeln gekommen. Wie zum Beispiel beim „Geldkomplex“ – das Buch hatte ich mit 17 in italienischer Übersetzung gelesen, es ist mir all die Jahre über im Kopf geblieben, und als wir nach Ideen für „LW reloaded“ suchten, sagte ich: Christian, es gibt da einen Text, den kennt man hier in Deutschland, aber er wäre womöglich genau jetzt wieder interessant …

Christian Berglar: Wir haben das Buch dann genau 100 Jahre nach dem Tod der Autorin Franziska Gräfin zu Reventlow wieder veröffentlicht. Es geht darin um die damals aufkommende Psychoanalyse im Zusammenhang mit finanziellem Gebaren und es passt heute wieder genau in die Zeit. Für solche Projekt gilt es dann natürlich immer noch die richtigen Partner zu finden – es braucht schließlich auch Lektor, Korrektor, Graphik, Satz …

Salvatore Tufano: Wobei ich immer fand, dass die größte Schwierigkeit nicht so sehr auf technischer Seite besteht, denn da kann man Kompetenz einkaufen. Was man nicht kaufen kann, ist Reputation, Nimbus, Ruf – eine Anziehungskraft für die richtigen Texte. Am Anfang war das unsere größte Herausforderung, denn wir sind beide gewissermaßen Quereinsteiger.

Christian Berglar: Das kann man ja unumwunden zugeben. Wir sind nicht groß geworden mit anderen Initiativen, kennen keine Verlegerkollegen aus dem Sandkasten, gerade, was die hiesige Landschaft betrifft. Es gibt viele Leute, die sich schon von Zeitschriftenprojekten kennen, oder von Lesebühnen aus der Studienzeit, dann hat man ein Netzwerk und bleibt im Berufsleben verbunden. Ich dagegen war auch nicht immer in dem Sinne ein Bücherwurm. Ich habe zwar immer gern gelesen und meine Vorlieben gehabt, aber habe mich auch in anderen Bereichen umgetan und verschiedene Interessen verfolgt. Da ist jetzt sicher auch noch etwas nachzuholen.

Salvatore Tufano: Christian hat in der Schweiz studiert, den Master in Schweden gemacht, auf anderen Kontinenten gewohnt, allein deswegen gibt’s da verschiedene Einflüsse. Und ich bin zwar immer schon in Buchverlagen in irgendeiner Rolle, aber eben auch viel in der italienischen Landschaft. Anfänglich habe ich gemerkt, wie wir beäugt werden: Schaffen die das? Man hat gespürt, alle warten erstmal ab, ob wir überhaupt bleiben.

LW italica

Und, bleibt ihr?

Salvatore Tufano: In bestimmten Bereichen braucht es eben mehr Zeit, bis man Vertrauen gewinnt. Bei den Italienern ist es ein bisschen anders gelaufen. Anfangs haben wir für „LW italica“ nach italienischen Autorinnen und Autoren gesucht, die in Deutschland wohnen und über ihren Blick auf Deutschland schreiben, exklusiv. Das war sicher ein bisschen um die Ecke gedacht, aber mit Roberto Giardina und Veronica Raimo hatten wir zwei wunderbare Bücher. „Lebst du bei den Bösen?“ von Giardina bekam eine sehr gute Rezension in der F.A.Z., die Erstauflage war in kurzer Zeit ausverkauft. Und deshalb haben wir gedacht: Vielleicht haben wir einen Nerv getroffen. Ist es leichter, wenn wir uns noch mehr Richtung Italien bewegen? Dann stieß ich auf Viviana Scarinci, die über Elena Ferrante geschrieben hat. Ich fragte sie, ob sie zusätzliche Kapitel für den deutschen Markt schreiben könnte. Damals war der Hype um die neapolitanische Autorin auf dem Höhepunkt. Nun haben wir die zweite Stufe: Wir suchen italienische Stimmen, die ein anderes Bild des Landes liefern.

Christian Berglar: Die keine Klischees bedienen, keine erwartbaren italienischen Einstellungen wiederkäuen. Aber eben durchaus Dinge durch eine italienische Linse betrachten.

Umarmungshemmung, das ist schön

Salvatore Tufano: Wie bei dieser Entdeckung, auf die ich besonders stolz bin (zeigt Buch „Malanotte“). Die Autorin Marilina Giaquinta ist bei der Polizei auf Sizilien. Ich habe sie über facebook gefunden, sie schreibt dort fast jeden Tag ein Gedicht. Über ihre Heimat, über ihren Alltag, Beobachtungen. Wir haben ihre Geschichten nicht zufällig „Stimmen in der Nacht“ genannt, sie verdichten sich zum Choral in einer Dunkelheit, die nie zuende geht.

Christian Berglar: Es werden Existenzen am Rand der Gesellschaft betrachtet und ihnen wird eine Sprache gegeben, eine poetische, düstere. Auf „Bremen 2“ war von einer Entdeckung die Rede. Die Wochenzeitung „Der Freitag“ hat sogar eine Journalistin nach Catania geschickt, wo sie Marilina Giaquinta ein paar Tage begleitet hat. (zeigt auf Artikel an der Wand)

Salvatore Tufano: Vielleicht lässt sich aber an diesem Beispiel auch gut ein Problem unseres Verlags illustrieren. Ein Mittel, um wahrgenommen zu werden, sind ja Lesungen. Und nun war die Autorin durchaus in Deutschland, aber es war nicht leicht, von Institutionen zur Kenntnis genommen zu werden. Da spüren wir immer wieder eine, nicht Beiß-, sondern …

Christian Berglar: Umarmungshemmung!

Salvatore Tufano: Umarmungshemmung, das ist schön.

Christian Berglar: Man muss sich eben geduldig immer wieder in Erinnerung rufen.

Es fällt nicht leicht, von Kölner Medien Aufmerksamkeit zu bekommen

Nun seid ihr ja eben nicht in Rom, sondern in Köln. Bedeutet für euch dieser Standpunkt eigentlich etwas?

Christian Berglar: Nach anfänglicher Überlegung finden wir uns hier sogar sehr gut aufgehoben. Kleine und unabhängige Verlage gibt es ja sonst vor allem in Berlin. Aber auf der anderen Seite wartet man dort nicht gerade auf Newcomer. Insofern sehen wir in Köln mehr Entwicklungspotential – es gibt natürlich große Verlage hier, aber das ist nicht unbedingt unsere Konkurrenz. Was es nämlich außerdem gibt, sind viele sogenannte Veedelsbuchhandlungen. Das liegt an der gewachsenen Struktur der Stadt, die Stadtteile haben eine ureigene Mentalität und Infrastruktur, und dazu gehören auch viele inhabergeführte Buchläden, und die sehen wir als mögliche Orte, wo die Bücher einer jungen Unternehmung wie unserer gut zuhause sein können.

Salvatore Tufano: Und trotzdem muss man, Stichwort Umarmungshemmung, sagen: Wir finden es schon ein bisschen seltsam, dass wir seit vier Jahren präsent sind – und man dann von der Literaturszene Köln redet und uns dabei glatt vergisst! Wenn dann ein großer Artikel erscheint und die lebendige literarische Landschaft lobt und die einzige literarische Verlagsgründung der letzten Jahre nicht nennt.

Christian Berglar: Unser Eindruck ist, dass es nicht leichtfällt, von den Kölner Medien viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich weiß gar nicht, ob man daraus einen Vorwurf machen kann. Aber wenn dann eben ein Thema wie die wiedererstarkende Literaturszene in Köln deklariert wird, dann würde man denken, in das Thema könnten wir doch gut reinrutschen.

Launenweber-Programm (Ausschnitt)

Jetzt sind wir ja schon lang in der Gegenwart angekommen. Ist denn die Fokussierung auf „LW italica“ auch die Zukunft? Oder sollen die anderen vier Sparten jetzt erst einmal nachziehen?

Christian Berglar: In unmittelbarer Zukunft im Herbst gibt es drei Titel ausschließlich italienischer Literatur. Das sind Bücher, von denen wir uns viel versprechen, denn sie haben, wie man auf Neudeutsch sagen würde, in ihrem Heimatland performt: etwa „Malacqua“ von Nicola Pugliese aus den Siebzigern, damals von Italo Calvino hochgelobt oder Giacomo Sartori mit „Göttliches Tagebuch“, im Original „Sono dio“, dessen englische Fassung auch die Amerikaner in der „NY Times“ fasziniert. Und für das „Buch der Blitze“ von Matteo Trevisani sind bereits die Filmrechte verkauft. Das war für uns ein neues Level, solche Titel zu bekommen. Aber das heißt nicht, dass die anderen Reihen damit abgemeldet sind! Und wir machen natürlich auch weiterhin Veranstaltungen mit Büchern, die bereits erschienen sind. Nur haben uns die Herbst-Errungenschaften viel Kraft und Aufmerksamkeit gekostet, das sind keine nebenbei gespielten Partien, und deshalb jetzt erst einmal dieser Schwerpunkt.

Letzte Frage: Woher kommt der Name Launenweber eigentlich?

Christian Berglar: Der ist entstanden in der Phase noch vor der Gründung. Ich hab damals zur Ideensammlung probeweise einen Blog betrieben. Den nannte ich „whimweaver“, aber an den deutschen Begriff hatte ich noch gar nicht gedacht. Und dann hat, als es um die Frage des Namens ging, Salvatore gefragt, was ist denn eigentlich mit dem Titel deines Blogs? Launenweber. Und sieh an, das passte doch: Launen kommen geflogen und verfliegen wieder, und der Weber macht es sich zur Aufgabe, die Eingebungen, die guten Ideen miteinander zu verbinden, festzuhalten. Dann kam noch unsere Graphikerin auf einen sehr guten Gedanken: Sie hatte sich für ein mögliches Logo am Webervogel orientiert. Der kommt im südlichen Afrika vor und baut Nester, die wie gewoben anmuten. Das aber vorzugsweise in der Nähe von Menschen, die Vogelkundler nennen ihn einen Kulturfolger. Und da haben wir gedacht, das ist doch ein schönes Bild für das Vorhaben mit unseren Büchern: In der Nähe von Menschen nisten.

***Alle Infos zum Launenweber Verlag sowie eine Programmübersicht gibt’s natürlich auf der Website: launenweber.de.***

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Kategorie: Interviews & Gespräche