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Gastbeitrag: Das Klopapier hat das Zeug zur Metapher

von Ulrike Anna Bleier



Danke, mir geht es gut. Ich mache was mit Medien und Kultur und habe deshalb schon vor der Krise sehr viel von Zuhause aus gearbeitet. Es macht mir nichts aus, alleine zu sein. Seit Jahren versuche ich die Balance zwischen Verwahrlosung und Disziplin zu halten. Ich nenne das Entropiemanagement.

Entropie bedeutet, dass Materie zur Unordnung neigt. Es gibt nur einen geordneten Zustand, aber unendlich viele ungeordnete, und jeder dieser vielen ungeordneten Zustände ist anders ungeordnet als alle anderen. Die Wahrscheinlichkeit also, sich selbst in einem ordentlichen Zustand vorzufinden, ist sehr viel unwahrscheinlicher als sein Gegenteil.

Zusammenbruch des Neuen Marktes 2002

Dass es mir trotz Krise gut geht, war nicht immer so. 2002 zum Beispiel, als der Neue Markt zusammen brach, war ich nicht nur plötzlich arbeitslos, sondern auch alleinerziehend. Das Kind war acht Jahre alt, als innerhalb von wenigen Monaten sich die Strukturen unseres Alltags in Luft auflösten. Mein Körper hatte dem damals grassierenden Grippevirus nichts entgegenzusetzen. Ich klappte zusammen, konnte zwei Wochen lang kaum aufstehen. Ich wusste nicht einmal, wen ich um Hilfe bitten sollte. Der traurigste Tag war der, an dem das Kind allein mit seiner Laterne zum Martinszug ging. Im Nachhinein sagt man ja immer gerne, die Krise hat mich stärker gemacht. Ich bin mir da nicht so sicher.

Wie jede Krise trifft auch Corona die Schwächsten am härtesten. Für viele Menschen hat jetzt die Zeit begonnen, in der alles zusammenbricht.

Wer sind die Schwächsten?

Wer sind die Schwächsten? Die Schwächsten sind die, die zu einer Risikogruppe gehören. Unter medizinischen Gesichtspunkten sind das Menschen mit Vorerkrankungen, über 60 Jahre alt oder mit einem geschwächten Immunsystem. Wer einer Risikogruppe angehört, hat ein Anrecht auf Schutz und besondere Unterstützung. Darauf konnte sich die Politik erstaunlich schnell einigen und die Zustimmungswerte der Bevölkerung zu den Schutzmaßnahmen lagen – zumindest zu Beginn der Krise – bei solidarischen 90 Prozent.

Unter sozialen Aspekten sind die Schwächsten die, die über keine oder wenige Rücklagen verfügen, deren soziales Umfeld instabil ist oder ihre Resilienz gering – sprich: die sich schon vorher in einer emotionalen oder sozialen Ausnahmesituation befanden. Leider hält sich die Politik in diesem Fall doch sehr zurück. Weder wurde bisher der Hartz-IV-Satz für Familien und Alleinerziehende erhöht noch ist das bedingungslose Grundeinkommen, das Wenigverdiener:innen das Leben deutlich leichter machen würde, ein Thema im Bundestag. Um die Situation in Flüchtlingsheimen oder gar in den griechischen Lagern kümmert sich kein Mensch. Gerade Alleinerziehende, Obdachlose, Geflüchtete, Hartz-IV-Empfänger:innen sind aber von den Schließungen der Kindergärten und Schulen und auch von den psychologischen Folgen der Ausgangsbeschränkungen am schlimmsten betroffen. Bedürfen nicht gerade sie unseres besonderen Schutzes?

Und auch wirtschaftlich gesehen kümmert sich der Staat in erster Linie um seine Musterschüler. Wer aufgrund der aktuellen Situation mit massiven Einbußen zu rechnen hat, darf auf unbürokratische und schnelle Hilfe hoffen. Das Schlüsselwort in Sachen Soforthilfe heißt „unverschuldet“: Vorerkrankungen oder niedrige Resilienz, sprich: keine Rücklagen gebildet zu haben, spielen bei der Beurteilung nicht nur keine Rolle, sondern sind sogar ein Ausschlussgrund. Die Folge: Solo-Selbstständige, darunter viele Künstler:innen und Kulturschaffende, gehen meist leer aus. Selber schuld?

Was heißt das denn überhaupt, Solidarität?

Solidarität heißt, dass wir alle auf ein gemeinsames Konto einzahlen, um am Ende als Kollektiv mehr zu haben als vorher als einzelner. Es darf keine Rolle spielen, wie viel wir vorher eingezahlt haben, zumindest nicht in einer Gesellschaft, in der eine Krankenschwester nur einen Bruchteil dessen verdient, was ein Bankdirektor bekommt. Solidargemeinschaft bedeutet, jeder zahlt prozentual ein und bekommt am Ende das, was sie oder er braucht. Angehörige von Risikogruppen brauchen mehr als andere, das liegt in der Natur der Sache. Es liegt aber auch in der Natur der Sache, dass niemand selbst daran schuld ist, dass er zu einer sozialen, wirtschaftlichen oder medizinischen Risikogruppe gehört. Wir sind nicht schuld, weil wir weniger verdienen als andere. Wir sind nicht schuld, weil wir älter oder gebrechlicher sind als andere. Wir sind nicht schuld, weil wir Kinder haben, um die wir uns kümmern müssen.

Seit dem Beginn der Corona-Krise zeigen wir mit dem Finger auf Leute, die Klopapier horten. Wie kann man sich nur so asozial und unsolidarisch verhalten?, fragen wir uns. Ein Blick auf unsere jüngere Geschichte offenbart jedoch Erstaunliches: Wir neigen offenbar dazu, genau die Leute zu belohnen und zu bewundern, die es zu einer gewissen Meisterschaft im Horten gebracht haben und über immense Vorräte an Immobilien, Bodenschätzen, Land, Arbeit und Geld verfügen. Und nicht zu vergessen: über human ressources – menschliches Kapital. Care-Arbeit, ehrenamtliche Arbeit, gemeinnützige Arbeit, künstlerische Arbeit, all das nehmen wir seit Jahren achselzuckend und ein wenig mitleidig zur Kenntnis. Doch bilden genau diese Tätigkeiten die Basis für die Sicherung unserer wichtigsten Kulturtechniken überhaupt: Wie man eine Krise übersteht, mit der keine Mensch gerechnet hat.

Bevor die nächste Krise kommt

Die Corona-Krise zeigt deutlich, wo unsere Schwächen liegen. Sie zeigt es uns im Kleinen und Konkreten, und das haben wir unserer globalisierten Welt gar nicht mehr zugetraut, dass sie uns diesen Blick überhaupt noch gewähren kann: Denn zunehmend war das, was wir als unsolidarisch empfanden, so abstrakt geworden, dass es keine Gefühle mehr in uns weckte. Cum-Ex-Geschäfte, Steuerbefreiung für Unternehmen mit Milliardenumsätzen auf der einen, strukturelle Benachteiligung und Diskriminierung auf der anderen Seite. Irgendwie blöd, aber eigentlich auch egal. Wir hatten uns so an diese ungleiche Verteilung der Ressourcen gewöhnt, dass wir Sozialdarwinismus gar nicht mehr erkannten, selbst, wenn wir ihm täglich begegneten.

Das Klopapier dagegen hat das Zeug zur Metapher.

Ich bin glücklicherweise nicht nur Entropiemanagerin, sondern auch Optimistin und glaube an den Wandel. Weil wir nicht nur den Mangel spüren, sondern viele von uns gerade eine wichtige Erfahrung machen: Wie einfach es sein kann und wie gut es sich anfühlt, auf Privilegien zu verzichten, um andere zu schützen. Wie wahr es ist, dass wir am Ende alle verletzlich sind und Angst haben. Und dass irgendwann der Tag kommen kann, an dem wir selbst die Solidarität der Gemeinschaft benötigen, in der wir leben. Dass die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Tag kommen wird, größer ist als die, dass er nicht kommen wird.

Diese Zusammenhänge dürfen wir jetzt nicht mehr vergessen. Wir müssen das, was wir gerade lernen, in die postcoronale Zeit mitnehmen und umsetzen. Und zwar, bevor die nächste Krise kommt. Denn weder die Materie noch der Markt regeln irgendetwas von alleine.

 

*** Ulrike Anna Bleier ist eine Kölner Autorin. Zuletzt erschien von ihr der Roman “Bushaltestelle” (Lichtung Verlag), für ihr neues Romanprojekt erhielt sie das Dieter-Wellershoff-Stipendium 2019. ***

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Kategorie: Essays