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Gastbeitrag: Bibi Bakare-Yusuf im Gespräch

*** Dieser Beitrag erscheint im Literaturkalender Köln zum zehnjährigen Bestehen von Stimmen Afrikas. Das Festival findet vom 6. bis zum 9. November 2019 statt. ***
Ein Gespräch mit der nigerianischen Verlegerin Bibi Bakare-Yusuf über Sprache, afrikanische Literatur und das Kölner Literaturfestival Stimmen Afrikas
von Tina Adomako

Sie verlegen mit Ihrem Verlag Cassava Republic Press seit 2006 Bücher afrikanischer Autor*innen. Welche Bedeutung hat das geschriebene Wort für Sie?
Sprache ist unser höchstes Kulturgut. Wenn in einer Sprache nichts produziert wird, keine Schriftstücke, keine Literatur, keine Bücher, dann stirbt diese Sprache irgendwann aus. Ohnehin sterben so viele afrikanische Sprachen aus, weil sie nicht verschriftlicht worden sind. Wenn dann ein älterer Mensch aus diesem Sprachstamm stirbt, verlieren wir die Verbindung zu dieser Sprache. Mit ihr oder ihm stirbt ein ganzes Stück Kultur. Das macht mich traurig.

copyright Herby Sachs
Köln , 4.4. 2019, Pressekonferenz der “stimmen afrikas” zu dem Festival “10 Jahre…” mit der Verlegerin und Kuratorin Bibi Bakare-Yusuf Foto: Herby Sachs

Die englische Sprache ist ja im Literaturbetrieb sehr dominant.
Wenn man sich aus einer Sprache heraus in einer anderen ausdrückt, bringt man vieles aus der eigenen Kultur in die andere Sprache. Das passiert seit Jahren mit der englischen Sprache. So viele afrikanische Autoren schreiben auf Englisch. Täglich werden Werke ins Englische übersetzt. Auch deutsche Literatur, wenn sie international gelesen werden will. Und so erfährt die englische Sprache eine enorme Bereicherung. Denn bei jeder Übersetzung wird auch eine kulturelle Sensibilität mit übertragen, das Englische wird vitaler, reicher, erfährt eine Expansion. Das hat natürlich auch etwas mit der kolonialistischen Vergangenheit zu tun. Rule Britannia. Und die restliche Welt hat ihnen diesen Größenwahn erlaubt, hat es den Engländern ermöglicht, sich – sprachlich – überlegen zu fühlen. Wir haben sie glauben lassen, sie seien die Masters of the Universe, weil Englisch sich so stark über den ganzen Globus ausgebreitet hat. Überall auf der Welt sprechen oder verstehen Menschen Englisch. An deutschen Universitäten wird z.B. heutzutage in englischer Sprache gelehrt. Aber dieser Fokus auf Englisch als Kultursprache tötet langsam alle anderen Kulturen. Und das dürfen wir nicht zulassen, denn es hat auch mit unserer eigenen Identität zu tun.

Und doch schreiben die meisten afrikanischen Autoren auf Englisch oder Französisch. Verlegt ihr Verlag auch Bücher in nigerianischen Sprachen?
Der Markt für muttersprachliche Literatur ist noch völlig unterentwickelt. Wir verlegen daher bisher nur auf Englisch. Aber der Markt für Literatur in unseren eigenen Sprachen ist da und birgt ein riesiges Potential. Deshalb interessiert mich sehr, wie wir künftig auch Werke in afrikanischen Sprachen verlegen und wie wir diese Literatur fördern können. Denn Sprachen wie Hausa, Yoruba und die vielen anderen beinhalten unglaubliche Schätze. Mit einer Sprache schwingt auch immer ein bestimmtes Weltbild mit. Selbst wenn man zwei Sprachen perfekt beherrscht, wie ich z.B. Englisch und Yoruba, muss ich Purzelbäume schlagen, wenn ich einen sehr komplexen Gedanken, den ich auf Yoruba gefasst habe, ins Englische übersetze. Etwas geht dabei immer verloren – und wenn es nur eine klitzekleine Nuance ist. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen – neben Übersetzungen – auch Werke in der eigenen Sprache konsumieren. Mit Werken in Hausa möchten wir anfangen, denn diese Sprache wird nicht nur in Nigeria gesprochen, sondern auch in zahlreichen benachbarten Ländern in West Afrika. Es gäbe dafür einen Markt in Ghana, Senegambia, Mali. Selbst in China gibt es eine große diasporische Gruppe von Hausa-Sprechern! Aber dafür müssen erst einmal die Werke in dieser Sprache geschrieben werden.

Wie sieht denn der Markt für Bücher in afrikanischen Ländern wie Nigeria aus?
Bisher lag der Fokus in fast allen afrikanischen Ländern sehr stark auf Schul- und Fachbüchern. Der Bildungssektor dominierte den Markt. Aber nun findet ein Shift statt. Der Markt für Fiktionales wächst kräftig. In den letzten 10-15 Jahren hat es eine Zunahme von Trade-Publishing, also Publikumsverlage gegeben, die zunehmend fiktionale Stoffe verlegen. Und die Leserschaft öffnet sich für Literatur aus dem eigenen Land und für Werke aus anderen afrikanischen Ländern. Der Appetit ist da!

Woher kommt dieser neue Appetit?
Menschen möchten sich in Werken wiedererkennen, Parallelen entdecken, Bezüge zu ihrem eigenen Leben finden. Sie möchten sich gespiegelt sehen, möchten geschilderte Situationen wiedererkennen oder das Handeln einer Figur nachvollziehen können. Früher haben wir Werke englischer Autor*innen gelesen, wir lasen Geschichten über Welten, die nichts mit unserer Wirklichkeit zu tun hatten. Und diese literarischen Werke haben auch nur Menschen einer bestimmten sozialen Schicht gelesen. Wenn erst der Bezug zur eigenen Realität da ist, fängt auch eine breitere Gruppe von Menschen an zu lesen. Und dann wächst auch die Neugier für Neues. Dann beginnen sich Menschen für grenzüberschreitende Literatur zu interessieren. Sie möchten dann sehen, ob es Ähnlichkeiten gibt, oder entdecken, was anders ist. Aber der Zugang zu Literatur ist über die eigene Kultur erst einmal einfacher herzustellen. Die Deutschen haben ja auch erst die eigene Literatur absorbiert, und über sie den Zugang zu russischen, französischen oder nordischen Autoren bekommen.

Warum kommt diese Entwicklung erst jetzt?
Die Möglichkeit, eigene Autor*innen zu lesen, gab es in Afrika lange Zeit nicht. Wer „gebildet“ war und lesen konnte, las Europäische Autoren. Was anderes gab es ja nicht. Selbst heute ist die Literatur, die leicht zugänglich ist – ich nenne sie „Flughafen Literatur“– von westlichen Autoren wie John Grisham oder John Le Carré geprägt. Ich will nicht hochnäsig sein, aber diese leichte Kost ist das, was sehr viele Menschen lesen – in Afrika, aber auch weltweit. Auch Trivialliteratur hat ihre Berechtigung, aber sie führt keine positiven Änderungen herbei, regt nicht zur Reflexion an, wird die Welt nicht transformieren. Für mich ist das Verlegen von Büchern eine zivilisatorische Aufgabe und zugleich eine ideologische. Wer besitzt die Ressourcen um bestimmte Narrative zu verlegen? Wer hat die Deutungshoheit? Bei Cassava Republic wollen wir die Produktionsmittel besitzen und sicher stellen, dass erst einmal Nigerianer mit einander in den kulturellen Dialog kommen, dann mit dem Rest von Afrika, mit der Diaspora in der Karibik, in den USA, in Europa – und dann mit der restlichen Welt. So sichern wir uns auch einen Platz am globalen literarischen Esstisch und steuern ein Teil des Menüs bei. Wir wollen nicht länger nur das konsumieren, was uns von außen vorgesetzt wird. Jede Kultur muss ein Gefühl von Selbstliebe entwickeln, und dazu gehört auch eine eigene literarische Stimme. Ich will nicht, dass wir uns bis in alle Ewigkeit nur durch europäische Sprachen auszudrücken vermögen. Wir müssen den Stimmen Afrikas Gehör verschaffen. Eigene Geschichten in unseren eigenen Sprachen erzählen. Es ist an der Zeit, ein neues afrikanisches Literaturverständnis aufzubauen, das Autor*innen und Leser*innen von Benin bis Bahia verbindet.

Haben Sie eine*n Liebglingsautor*in oder ein Lieblingsbuch?
Es gibt so viele tolle Werke da draußen, da würde es mir schwer fallen, ein einziges als „Liebling“ herauszupicken. Außerdem finde ich, dass diese Art der Kategorisierung Teil eines kapitalistischen Framings ist. Sich für eine Sache, für das Beste zu entscheiden und dadurch den Rest abzuwerten. Daher: nein. Aber ich verrate gerne welche Bücher ich mitnehmen würde, wenn man mich auf eine einsame Insel verbannen würde. Auf jeden Fall hätte ich Toni Morrisons „Song of Solomon“ dabei. Einpacken würde ich auch „A Question of Power“ (Dt. Die Farbe der Macht, Orlanda Verlag),von der südafrikanischen Schriftstellerin Bessie Head und die Essaysammlung „Sister Outsider“ von der Feministin Audrey Lorde. Ein Europäer wäre auch dabei, der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty, weil ich mich mit jemand unterhalten müsste. Und dafür sind seine Werke genial.

Empfehlen Sie uns bitte drei Bücher aus ihrem eigenen Verlag.
Unser ganze Sortiment ist lesenswert, aber besonders empfehlen tue ich Elnathan Johns „Born on a Tuesday“. Darin erzählt er von dem realen Problem der Radikalisierung junger Männer in den Islam. Spannend finde ich auch „The Secret Lives of Baba Segi‘s Wives“, ein Roman von Lola Shoneyin über eine gebildete, studierte Frau, die sich freiwillig auf eine polygame Ehe einlässt. Man glaubt im Westen gerne, dass die Mehrehe Frauen aufoktroyiert wird. Dass dies auch die freie Entscheidung einer Frau sein kann, scheint unvorstellbar zu sein. Und als drittes Teju Coles Roman „Everyday is for the thief“, der von einer Rückkehr nach Nigeria erzählt.

Bibi-Bakare Yusuf, (c) Ostyn Aimz

Nun sind Sie Gastkuratorin für die Kölner Literaturreihe stimmen afrikas, die ihr 10-jähriges Jubiläum feiert und vom 6. – 9. November ein Festival unter dem Titel CROSSING BORDERS: translate – transpose – communicate im Kölner Kulturquartier am Neumarkt veranstaltet. Was sind die Schwerpunkte des Festivals?
Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich Literaturreihe als eine Notwendigkeit betrachte. Es ist nicht nur eine larifari Veranstaltung von Leuten, die ein Faible für Literatur vom afrikanischen Kontinent haben. Sondern es geht wirklich darum, afrikanische Stimmen Gehör zu verschaffen. Und dies ist absolut notwendig, um unsere Kultur ins nächste Jahrhundert zu retten. Beim Festival geht es uns um die Wertschätzung von Literatur aus Afrika und um die Unterstützung afrikanischer Sprachen. Wir wollen den Fokus auch auf die Mehrsprachigkeit in Medien und in den Bildungssystemen lenken und auf den Beitrag, den Übersetzungen zum Erhalt von Literatur und Kultur beitragen. Letztendlich geht es auch darum, den Reichtum und die Schönheit von Sprache zu zeigen.

Wie sind Sie bei der Auswahl der Teilnehmenden vorgegangen?
Wir haben nach Autor*innen, Übersetzer*innen, Verleger*innen und andere Expert*innen aus dem Literaturbetrieb verschiedener afrikanischer Länder und der afrikanischen Diaspora gesucht, die in verschiedenen Muttersprachen arbeiten, oder, die als Übersetzer*innen sowie im Bereich des transnationalen Wissenstransfers tätig sind. Zu den über 30 Gästen, die im November in Köln dabei sein werden gehören u.a. Boubacar Boris Diop, Susan Kiguli, Mukoma Wa Ngugi, Zukiswa Wanner, Ebisse Rouw und Olumide Popoola.

Was sind Ihre Erwartungen an das Festival?
Wir hoffen, das Festival wird zu einem regen Austausch führen und Lernerfahrungen auf beiden Seiten fördern. Wir wollen mit dem Publikum über das Thema (Mutter-) Sprache als Menschenrechtsfrage diskutieren. Wie trägt Sprache zur Stärkung des Selbstbewusstseins bei? Wie sind Sprache und Kreativität verknüpft? Wir wollen für die Vorteile der Mehrsprachigkeit sensibilisieren. Und natürlich wünschen wir uns, dass die Besucher*innen bei den Lesungen, Performances und die ganze Vielfalt, die sie erleben werden, nicht nur sehr viel Spaß haben sondern auch viel an neuen Erkenntnissen mitnehmen werden.

Danke, Bibi für das Gespräch.

*** Das Verlagshaus Cassava Republic Press wurde 2006 von Bibi Bakare-Yusuf und Jeremy Weate mit dem Ziel gegründet, qualitativ hochwertige Belletristik und Sachbücher von afrikanischen Autoren einem globalen Publikum zugänglich zu machen. Der Verlag ist mittlerweile eines der wichtigsten afrikanischen Verlagshäuser. Verlegt werden Geschichten von und für Afrikaner*innen zu erschwinglichen Preisen. Ziel ist einerseits die einheimische Literatur zu fördern und andererseits eine Lesekultur auf dem gesamten Kontinent zu entwickeln. Mehrere Bücher aus dem Verlagssortiment, die im Sinne der Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen u.a. Geschlechterrollen hinterfragen, wurden in Nigerias Schulkurrikulum aufgenommen. Der Verlag ist in Abuja und London ansässig. ***

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Kategorie: Interviews & Gespräche