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“Es geht weiter!” – Ute Wegmann im virtuellen Gespräch

Corona trifft Kultur-, trifft Literaturveranstaltungen ins Mark. Viele fallen aus, viele andere können nur unter großen Einschränkungen durchgeführt werden – und selbstständig Schaffende müssen, milde ausgedrückt, improvisieren. Wie das geht und welche Perspektiven es gibt, fragt der Literaturkalender die Autorin, Journalistin und Veranstalterin Ute Wegmann – Pandemie-konform per Mail.
von Tilman Strasser

 

Die Kölner Literaturnacht (Anm.: im Mai 2020) ist ausgefallen! Da hingen doch sicher unvergleichlich viele Leute und Lokalitäten dran. Wie war das, als ihr einsehen musstet, das klappt dieses Jahr nicht?

Die Kölner Literaturnacht ist eine Herzensangelegenheit für alle, die ehrenamtlich ihre Arbeit in das Projekt stecken. Die Programmhefte waren gedruckt und gerade geliefert. 157 Autorinnen und Autoren, Moderator:innen, Künstler:innen verschiedener Sparten findet man im Personenregister. Wir freuten uns sehr auf die Literaturnacht, waren gespannt, wie es wohl beim zweiten Mal laufen würde, hatten qualitätvolle, vielfältige Programmpunkte. Die Notwendigkeit der Absage kam nun für eine Realistin wie mich nicht überraschend, dennoch war sie für uns alle nicht weniger schmerzhaft. In ersten Gesprächen haben wir bereits angedacht, die Nacht im Mai 2021 in genau der Programmkonstellation zu übernehmen, es sei denn, jemand möchte aussteigen oder kann an dem geplanten Termin nicht.
Die Frage tauchte aber dann auf: Was machen wir mit einer zeitbezogenen Auftaktveranstaltungen wie “Wir stolpern durch die Tage und Nächte” zu 75 Jahre Kriegsende in Köln? Eine Veranstaltung, die der Übersetzer Paul Berf und ich konzipiert haben, Mariele Millowitsch und Philipp Schepmann sollten die Texte verschiedener Autor:innen lesen. Kann man eine solche Veranstaltung zu einem historischen Datum — Corona hin oder her – einfach um ein Jahr verschieben?
Wir haben versucht, noch eine Möglichkeit für das Jahr 2020 zu finden, aber die unüberschaubare Gesamtsituation ließ uns Abstand davon nehmen. Mal sehen, wie wir uns demokratisch einigen, ob wir sie in 2021 realisieren werden! Es ist bitter für alle, wenn wochenlange Arbeit, monatelange Planung in einem schwarzen Loch zu verschwinden drohen. Aber jede:r einzelne von uns war ja auch privat mit so vielen Gefühlen konfrontiert und die Perspektive auf eine Verschiebung der Kölner Literaturnacht war und ist doch immerhin ein Blick nach vorne.

Die Texte bleiben

Eine Veranstaltung wie die von Dir angesprochene zu 75 Jahren Kriegsende in Köln zeigt ja auch, wie wichtig Kultur (neben vielen anderen Aspekten) für das Gedächtnis einer Gesellschaft sein kann. Polemisch gefragt: Darf Corona solche Events überhaupt ersatzlos abservieren? Oder machen wir dann nächstes (übernächstes, überübernächstes) Jahr einfach Veranstaltungen zu 76 (77, 78) Jahre Kriegsende in Köln?

Das Gedächtnis der Gesellschaft und der Stadt wachzuhalten, halte ich für einen ganz wichtigen Punkt unserer kulturellen Arbeit. Eine Verbindung der Bürger:innen, egal welchen Alters, zu ihrer Stadt herzustellen und dadurch eine Verantwortlichkeit zu schaffen, ist eine wichtige Aufgabe aller politisch Arbeitenden und aller Kulturschaffenden. Das war auch einer der Gründe, warum ich vor neun Jahren die Veranstaltung “Heimspiel – Kölner Autor:innen lesen in Kölner Schulen” ins Leben gerufen habe.
Somit ist die Frage nahezu beantwortet: Nein, eine Pandemie darf das, was uns zusammenhält, uns zu Bürger:innen dieser Stadt macht, die wir ja mitgestalten sollen und wollen, nicht abschneiden. Wir müssen nur sehr gut überlegen: Was ergibt Sinn zu welchem Zeitpunkt? Gerade kann man feststellen, dass die Menschen – verständlicherweise – Sorge haben, sich in öffentlichen Innenräumen aufzuhalten. Zum Anderen stellt sich die Frage, ob Menschen in einer völlig unüberschaubaren Lebenslage, wie wir sie hatten, und ohne Impfstoff und Absehbarkeit der Entwicklung des Virus’ noch haben, sich mit dem Krieg vor 75 Jahren beschäftigen möchten. Das Thema Krieg bewirkt ja keine besinnliche Ablenkung. Wer würde sich damit jetzt auseinandersetzen? Ich weiß es nicht. Aber die Texte bleiben, und warum nicht im nächsten oder übernächsten Jahr daran erinnern?! Wenn wir es für wichtig halten, sind wir doch frei, den 76. oder 77. Jahrestag zu erinnern und zu zeigen, wie wichtig Kultur (neben vielen anderen Aspekten) für das Gedächtnis einer Gesellschaft sein kann.

Gut, dass Du Heimspiel ansprichst! Wie geht’s denn mit den Lesungen weiter?

ES GEHT WEITER! Und das ist super. Ich habe im Frühsommer eine Umfrage unter den Autor:innen und Lehrer:innen gemacht. Und alle hofften unbedingt, dass “Heimspiel” stattfindet.
Es war mehr Arbeit und viel Kommunikation. Die Lesungen sind in diesem Ausnahmejahr kostenfrei, anstatt € 2,- pro Kind . Ich bin der Meinung, dass die jungen Menschen und auch ihre Eltern nach dem ganzen Home-Schooling eine Lesung als Geschenk verdient haben.
Fast allen Autor:innen, die sich für 2020 gemeldet hatten –  etwa 50 von ca. 70 – konnte ich eine Lesung vermitteln. 45 Schulen haben sich angemeldet, zum Teil in Auswahl mit mehreren Klassenstufen, um auf jeden Fall teilzunehmen, hungrig nach analoger Kultur und versichernd, dass alle Regeln eingehalten werden. So kommen die jungen Menschen dieses Jahr in den Genuss, in den sie eigentlich immer kommen sollten: In kleinen Gruppen eine Lesung zu genießen.

Man erkennt Orte in Geschichten wieder

Arbeitest Du an alternativen Konzepten oder geht ihr weiter in die Klassenzimmer?

Die meisten lesen in Turnhallen oder, sofern vorhanden, in der Aula.
Alternatives Konzept wäre Streaming, das macht vielleicht eine Schule. Die Autorin liest in einer Klasse, das wird in fünf weitere gestreamt und nach der Lesung stellt sie sich noch mal überall bei allen vor.
Leider greifen bei digitalen Lesungen nicht alle Förderungen. Soweit sollten wir allerdings 2020 noch kommen, dass Förderinstitutionen keinen Unterschied mehr zwischen einer analogen und einer digitalen Lesung machen. So wie Veranstalter:innen ebenfalls ohne Unterschied dasselbe Honorar zahlen müssen. Meine Meinung.

Wie kamst Du überhaupt damals auf den Gedanken, in so großem Stil Autor:innen in Kölner Schulen zu holen?

Ich dachte irgendwann, als ich durch die Stadt fuhr, vorbei an der x-ten Schule: Das kann doch nicht sein, dass alle nur Cornelia Funke oder Paul Maar oder Andreas Steinhöfel kennen und nur die großen Namen einladen wollen, die natürlich nicht mal eben eine Schullesung in Köln machen können. Sollen doch die Schüler:innen und Lehrer:innen vor allem und zuerst die Schriftsteller:innen kennen lernen, die vor ihrer Tür leben. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass man Kinder über die emotionale Verbundenheit gut zum Buch bringen kann: Wir leben alle in Köln, teilen (vielleicht ;O)) die Begeisterung für den Fußballverein, die Skaterbahn am Rhein, das Freibad im Müngersdorfer Stadion. Man kennt das. Man spricht darüber und schwärmt für die gleichen Dinge. Man erkennt Orte in Geschichten wieder. Dazu kam der glückliche Zufall, dass gerade von der SK- Stiftung Kultur eine Förderung ausgeschrieben wurde, die auch Einzelpersonen beantragen konnten. Es war ein Blitzgedanke: Konzept geschrieben. Volle Überzeugung, die vorhanden war, formuliert. Eingereicht. Zum Gespräch eingeladen. Es hat geklapptDas war der Anfang. Die anderen Unterstützenden  – Kunststiftung NRW, Kulturamt Köln, Fricke Stiftung für Bildung und Kultur usw. – zu finden, das war damals viel Recherchearbeit. Aber alle sind nach wie vor begeistert von der Idee und bleiben dabei, wie man der Homepage entnehmen kann.
Über die lokale Verbundenheit mit den Autor:innen und ihren Geschichten für Bücher zu begeistern und somit Interesse an Literatur allgemein zu wecken, die man dann im Literaturhaus, bei der Literaturnacht oder auf der lit.COLOGNE und bei vielen anderen Veranstaltungen wahrnehmen kann, das war die Idee. Sensibilisierung für eine Wörter- und Bilder-Welt, die unsere Welt in ihrer Vielfalt nach Hause bringen kann.

Zuerst Schockstarre. Da ging gar nichts.

Apropos Schriftsteller:innen, die vor den Kölner Schultüren leben: Wie ist’s mit Deinem eigenen Schreiben? Ich habe das Gefühl, es teilt sich radikal: Hier diejenigen, die seit Beginn der Pandemie kaum mehr einen Satz schreiben können, und diejenigen, denen Lockdown und Co einen ungeahnten Schaffensrausch beschert haben …

Ich müsste sagen: “Weder noch“, oder eher: “Eins nach dem anderen”.
Zuerst Schockstarre. Da ging gar nichts.
Dann Verschiebung des nächsten Buches auf 2022.
War das gut? War das Mist? Unter der Schockstarre dachte ich: Gut! (Denke ich jetzt wieder ;O))
Als der April kam, hab ich mich münchhausenmäßig aus dem Coronasumpf gezogen,
mir selber ein Lyrikprojekt auferlegt, das ich einmal im Jahr, normalerweise im Juni,
mache. Diesmal vorgezogen. Dreißig Tage, dreißig Gedichte, nach dreißig mir zu geschickten Wörtern. Das hat mich aufgeweckt. Mit Abschlusslesung bei mir zu Hause.
In zwei Etappen, mit nur jeweils acht bis zehn Freunden, und mit Käse und Wein.
Einige Freunde und Nachbarn, die ich mal zufällig traf, beim Eisessen oder täglichen Spaziergang, haben mich gefragt: “Und? Schreibst du gerade was? Kannste die Zeit nutzen?”
Ich habe von dieser “kleinen” Aktion erzählt, dann wollten viele “auch mal dabei sein”. Beim nächsten Mal. Nächstes Mal?, bestimme ich doch, dachte ich, und habe einen zweiten Monat Gedichte und Geschichten geschrieben, mit den Menschen, die in meinem Block wohnen: “Juli in the Block”. Zum Abschluss gab es eine Lesung in der Gelateria Süd, unter komplizierten Corona-Vorsichtsmaßnahmen, immer jeweils sieben Menschen am Tisch, im Halbstundentakt.
Vielleicht wird ein kleines Buch dazu entstehen.
Einige der Texte wandern in mein neues Buch, das ein Gedicht-Geschichtenband wird für Menschen von 8-88.
Manuskript ist jetzt in erster Fassung abgegeben. So früh? Ja, weil der Illustrator illustrieren muss.
So war mein Schriftstellerinnenleben 2020!
Wie wird es 2021?
Im Zweifelsfall jeden Monat eine Gedichtaktion. ;O)!
Sehr belebend!

Verantwortung zur Mitgestaltung der Gesellschaft

Bei dieser vielfältigen Tätigkeit als Autorin, Organisatorin, Veranstalterin …

Apropos Tätigkeiten: Mein Geld verdiene ich vor allem und schon lange mit meiner journalistischen Arbeit als Moderatorin und festfreie Redakteurin beim DLF, in der Buchredaktion, wo ich zwei Büchermarkt-Sendungen im Monat verantworte, jeweils am 1. und 2. Samstag im Monat, mal die DLF-Bestenliste “Die besten 7”, die zweite ist eine Porträtsendung.

… was wünscht Du dir noch mehr an Unterstützung von Land, Stadt, Politik?

Es ist viel passiert im Bereich der Literatur in den letzten Jahren: Förderungen, Unterstützungen, von Seiten des Landes, von Seiten des Kulturamtes Köln. Es gibt den Schreibraum, es gibt Stipendien, endlich auch für Kinder- und Jugendbuchautor:innen usw. – wir müssen nun  sehen, wie alles mit oder nach Corona weitergeht. Was sicherlich nicht passieren darf: Dass an dieser wichtigen Stelle der kulturellen Bildung gespart wird.
Ich wünsche mir von Politiker:innen eben die gleiche Aufmerksamkeit und Wertigkeit, wie sie den wirtschaftlichen Unternehmen entgegengebracht wird, denn wie die unterschiedlichen kulturellen Branchen zeigen, stehen sie neben der Wirtschaftlichkeit (s. Film) auch für einen hohen Bildungscharakter und eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Die Quantität der Frequentierung einer Veranstaltung (z.B. Lesungen) darf hier niemals ausschlaggebend sein, um Wichtigkeit zu definieren.
Als Veranstalterin für Projekte, die durch beantragte Gelder ermöglicht werden, wünsche ich mir Planungssicherheit über längere Zeiträume. Dass man anfangs von Jahr zu Jahr nicht wusste, ob man eine gute Idee fortführen kann, war misslich.
Außerdem wünsche ich mir eine größere Unterstützung durch lokale Medien und lokale Unternehmen. Es wäre schön, wenn sich Unternehmer:innen, die in dieser Stadt eine hohe Stellung haben, ihrer Verantwortung zur Mitgestaltung der Gesellschaft durch Unterstützung kultureller Institutionen oder einzelner Projekte bewusst würden. Meine Worte richten sich also diesmal mehr an etablierte Unternehmer:innen dieser Stadt, und mal ausnahmsweise weniger an die Politik.

Vielen Dank für das virtuelle Gespräch!

*** Mehr zu Ute Wegmann unter www.diebestenbeerdigungenderwelt.com ***

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Kategorie: Interviews & Gespräche