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“Eine Sprache der Annäherung” – an der Straßenecke mit Gunther Geltinger

Das Café Elefant liegt in einer ruhigen Seitenstraße des Agnesviertels. Eigentlich. Doch während des Gesprächs mit Gunther Geltinger düst ein Wochenaufkommen an Mopeds knapp am Tisch vorbei, brummende Lieferwägen lassen die Kaffeetassen klirren, schließlich holpert die Müllabfuhr über das Pflaster und bleibt mit tuckerndem Auspuff neben den Stühlen stehen. Doch der Kölner Autor unterhält sich unbeschwert weiter – vielleicht, weil auch in “Benzin” (Suhrkamp), seinem jüngsten Roman, beständig ein Motor läuft.
von Tilman Strasser

Landschaft spielt eine wichtige Rolle in deinen Romanen, bislang war es europäische Landschaft – aber in „Benzin“ ist es die von Südafrika und Simbabwe. Wie kam der Sprung auf einen anderen Kontinent zustande?

Tatsächlich durch meine eigenen Sprünge. Seit 2001 bin ich immer wieder ins südliche Afrika gereist. Anfangs als Tourist. Dann hat sich eine glückliche Koinzidenz ergeben: Ich bekam ein Stipendium als Inselschreiber auf Sylt – und ein Bonus dieses Stipendiums war ein Besuch in Johannesburg, denn dort lebt die Stifterin und organisiert einen regen Austausch zwischen deutschen und südafrikanischen Künstlern. Das war 2014, und damals flog ich bereits mit dem Gedanken dorthin, dass ich womöglich auch literarisch etwas finden ließe. Ich hatte nur eine vage Idee: Es sollte um eine Reise gehen, die erst zur Reise wird, sich also von einem Urlaub, einer Pseudo-Reise, in eine richtige Reise verwandelt. Ich reiste dann selbst auch erstmals von Südafrika nach Simbabwe, und in diesen drei Wochen hat sich aus der Idee das Konstrukt einer Geschichte ergeben. Das hatte unbedingt auch mit der Landschaft zu tun. Genauer: mit den Wasserfällen.

Wasserfälle?

Ich habe diese Passion, man muss schon sagen: diese merkwürdige Obsession bezüglich Wasserfällen. Das Wasser spielt in all meinen Romanen eine große Rolle, und mir war klar, dass es auch diesmal im Zentrum stehen würde. An den Victoriafällen kamen dann die Topoi Wasser und Afrika für mich zusammen. Bis dahin hatte sich nämlich noch etwas anderes aufgebaut, ein Thema, vielleicht das ausschlaggebende Moment für die Atmosphäre des Textes – nämlich das Unbehagen, als Europäer in Ländern mit postkolonialem Hintergrund unterwegs zu sein. Automatisch hinterfragt man da beständig seine Rolle, automatisch ist man mit der kolonialen Vergangenheit konfrontiert, und wenn man offen ist und Begegnungen sucht, statt nur Highlights abzuklappern, dann entstehen zuhauf Situationen, in denen man sich der Ambivalenz der eigenen Rolle schmerzlich bewusst wird. Nahezu jeder Augenblick ist irgendwann aufgeladen mit dem historischen Hintergrund. Und das hat etwas mit mir gemacht, hat eine Konfrontation mit mir selbst erzeugt. Einen Drang, zu durchdringen, was da passiert, mit einer Gesellschaft, mit Individuen, die in diesem Kontext aufeinanderprallen. Das hat den eigentlichen Stoff geliefert.

Ausbeutung als künstlerisches Prinzip

Das ist ja auch eine Rolle, mit der dein Protagonist Vinz und sein Freund Alexander auf ihrer Reise hadern. Sie wollen keine stumpfen Touris sein, aber jede ernstgemeinte Interaktion stürzt sie eben auch in eine komplexe, postkoloniale Gemengelage. Gibt’s da überhaupt einen Ausweg?

Tatsächlich gibt es keinen. Dieses Vorhaben, nicht zu reisen wie all die anderen, sondern sozusagen als besserer Mensch – das ist ja auch wiederum eine Form europäischer Hybris. Anders gesagt: Wenn man seine Rolle hinterfragt, kommt man dadurch ja noch nicht aus ihr heraus. Letztlich muss dieses Vorhaben scheitern. Bei Vinz und Alexander scheitert es in beinahe jeder Begegnung, sie suchen Afrika und verstehen doch nichts, finden nichts. Sie sind umgeben von Codes, von Bildern, die ihnen einen Kontinent spiegeln, der sich zusammensetzt aus Klischee, Stereotyp, kolonialistischen Strukturen und Mythos, ganz viel Mythos. Alexander arrangiert sich damit, weil er der Pragmatiker ist, und weil er versteht, dass es am ehrlichsten ist, dem Ganzen auf der Ebene des Möglichen zu begegnen. Vinz hingegen ist Schriftsteller und sucht natürlich eine Form der Sublimation. Er will über Grenzen gehen, ist zugleich auf der Jagd nach Stoff für ein Buch, und er tappt in die Falle, das, was ihn umgibt, zu instrumentalisieren. Das Ausbeuterische des Autors, der Raubbau an seiner Umwelt betreibt, ist sowieso ein Prinzip künstlerischen Schaffens, welches man gar nicht moralisch bewerten muss. Aber in der Spiegelung im postkolonialen System bekommt es natürlich etwas Brutales.

(c) Jürgen Bauer
(c) Jürgen Bauer

Brutal ist ohnehin, wie eng für Vinz Leben und Schreiben, Lieben und Schreiben verflochten sind.

Mit beidem ist Vinz eigentlich am Ende. Er hat nach zwei Romanen seine Beziehung als autofiktionaler Erzähler auserzählt. Jetzt ist die Partnerschaft in eine Krise geraten, in der auch Alexander seine Rolle spielt, weil er natürlich Macht aus seiner Position zieht. Dass sich Vinz zusätzlich in jemand anderen verliebt, ist dabei kaum mehr relevant. Sich verlieben, das passiert schließlich, jedes Paar muss damit irgendwie umgehen. Aber in der Kombination mit einer Schreibblockade und Vinz’ ursprünglichem Vorhaben, aus seiner Beziehung auch noch den nächsten Roman zu kondensieren, wird aus der Schaffens- eine Liebes- und schließlich eine Lebenskrise. Wenn die Beziehung schon scheitert, soll sie zumindest noch insofern erfolgreich scheitern, damit er sie zu Stoff verarbeiten kann! So stellen sich die ökonomisierten Systeme dar, in denen die beiden da existieren. Und das wird außerhalb der deutschen Großstadt, in der sie sich eingerichtet haben, nämlich in einem anderen, aber irgendwie doch komplementären System, umso sichtbarer – eben in Afrika.

Von Ressentiment bis Begehren

Wobei das ja eine enorm ungesunde Dynamik ist, die sich da bei Vinz eingestellt hat!

Tja, Schreiben ist einfach ungesund, würde ich sagen. (lacht) Kunst ist das immer, wenn sie gewisse Grenzen überschreitet, und das muss sie immer wieder, um zum Wesentlichen vorzudringen. In gewisser Weise haben sich Vinz und Alexander ja in der ungesunden Dynamik ein Biotop eingerichtet. Und erst Afrika und die Begegnung mit Unami bringen wieder Bewegung in die Sache.

Unami ist der Afrikaner, den die beiden zu Beginn des Romans versehentlich anfahren …

… und er wird im folgenden von Vinz aufgeladen mit Projektionen, die von Ressentiment bis Begehren reichen.

Er begleitet Vinz und Alexander auf ihrer weiteren Reise und zieht sie zunächst in immer rätselhaftere Verwicklungen. Abgesehen davon, dass sie ihre Fahrlässigkeit wieder ausbügeln wollen: Was haben die beiden eigentlich für ein Interesse daran, dass Unami bei ihnen bleibt?

Bei der Wanderung durch den Canyon fragt Vinz einmal Alexander: Hast du dich schon in Unami verliebt? Und Alexander sagt: Es geht mir nicht ums Verlieben, es geht darum, etwas Unvernünftiges zu tun. Mehrfach stellt sich Vinz die Frage, was für Alexander die Optimalvorstellung dieser Reise ist – vier Wochen herrliche Landschaften und wilde Tiere anzuschauen, das ein oder andere Abenteuer zu erleben und dann mit null Entwicklung wieder nach Hause zurückzukehren? Er fühlt sich Alexander gegenüber in einer Bringschuld. Und so versucht er, Alexanders Idee, mit Unami ein solches Abenteuer zu wagen, entgegenzukommen. Andererseits will er einen Schritt voraus sein und das alles bereits wieder zu Literatur machen. So gibt es von allen Seiten ein ambivalentes Interesse an diesem Zusammenschluss, übrigens auch von Unamis. Denn was sind eigentlich seine Beweggründe? Finanzielle, unter anderem, es gibt die Geschichte der kranken Mutter. Doch es gibt vielleicht auch etwas, das Vinz und Alexander nicht wissen, womöglich gar nicht wissen wollen, weil es sie vor ungleich bedeutendere Fragen stellen würde: Will Unami vielleicht mit nach Europa? Das gibt der Konstellation plötzlich eine Verantwortungsdimension, die jene des unverbindlichen Abenteuers übersteigt. Unami aber spürt, dass die beiden etwas suchen, er merkt natürlich auch, dass sie keine Brüder sind, obwohl sie sich als solche ausgeben, und so wird aus Unami alles andere als ein Freund. Dabei kommt sein Name eigentlich aus dem Französischen: un ami.

Sprachliche Bedeutungsebenen sind überhaupt sehr bewusst im Roman verwoben.

Das war für mich auch ungeheuer wichtig – zum Beispiel empfand ich es immer wieder als enorm sensiblen Punkt, im Text von Schwarzen zu sprechen. Dieses Wort fällt sehr selten, und wenn, dann fällt es so, dass es genau das markiert: Eine Differenzierung zwischen dem Weißen und dem Schwarzen, die die soziale und historische Kluft aufzeigt.

Eine Sprache der Annäherung muss eine neue Sprache sein

Unami spricht von sich selbst als Schwarzem.

Um sich zu markieren, genau. Um zu zeigen, dass er gegenüber seinen Begleitern eine Rolle einnimmt. Es gibt die Szene, in der Vinz von seiner Agentin gewarnt wird vor dem gefährlichen Vokabular seines Exposés. Das ist zwar nur Kopfkino – aber eine Sprache der Annäherung, auf die wir zusteuern sollten und für die es von beiden Seiten Bestrebungen gibt, muss eine neue Sprache sein. Eine, die Historie bewältigt, indem sie alte Begriffe und den darin eingeschriebenen Rassismus nicht mehr benutzt, oder aber mit neuer Bedeutung auflädt. Das ist eine Arbeit, die dem Postkolonialismus folgen müsste. Stattdessen sprechen die drei im Buch Englisch miteinander, eine Sprache, die der Kolonialismus gebracht hat, die für Unami Amtssprache, Hauptsprache, aber nicht Muttersprache ist. Für Vinz und Alexander hingegen ist es die Weltsprache, die Sprache der Internationalität, der Möglichkeiten, des Reisens. Wegen dieser Differenz taucht Englisch auch immer wieder unübersetzt im Roman auf: Um diese Verfremdung der Kommunikation zu zeigen.

Im südlichen Afrika sprechen so gut wie alle mehrere Sprachen. Welche Folgen hat das für das Erzählen?

Vinz begibt sich im Buch ja schließlich auf die Spur eines Mythos’ der Tonga. Den kann er natürlich nur auf Englisch überhaupt verstehen. In diesen Mythos aber ist ein koloniales Trauma eingeschrieben: Der Bau des Kariba-Staudamms in Simbabwe, der ein ganzes Volk vernichtet hat. Viele Menschen, die am Sambesi lebten, wurden ihrer Lebensgrundlage beraubt, mussten umsiedeln für das Großprojekt der Europäer, ihre spirituelle Verbindung zum Fluss wurde gekappt. Auch der Mythos selbst droht zu verschwinden, er wird kaum mehr oral transportiert. Und eben diesen Mythos will Vinz dann neu erzählen, macht ihn zum Plot.. Denn natürlich wiederholt der Mythos das Vokabular der Separation, egal in welcher Sprache er erzählt wird, immerhin wird der Weiße darin angeklagt, den Flußgott Nyami Nyami vertrieben zu haben. Vinz hat die Idee, dass dieser Mythos ihn zu einer neuen Sprache führen könnte, und gerät in einen metaphysischen Raum, als er sich auf die Suche nach diesem Flussgott macht.

Für mich zählt kein Satz, der über den Satz hinaus nichts bedeutet

Wie verlief denn deine eigene Suche nach einer Sprache für diesen Stoff? War die sofort da – oder hast du lange suchen müssen, bis dir klar war, wie der Roman klingen muss?

Die Suche nach einer Sprache für diese Welt war lange das, was die Arbeit am Roman ausgemacht hat. Dabei lief ich mit Vinz parallel: Er sucht im Roman nach einer Geschichte, ich suchte für seine Geschichte nach einer Sprache. Sowohl für mich als auch für die Figur war da also erst einmal eine Form der Leere, mit der wir arbeiten mussten.

Man meint schier, einzelnen Sätzen die Schwerstarbeit anzumerken: Stark verdichtete Ideen, Bilder, Metaphern …

Verdichtung ist das, was mein Schreiben ausmacht, es geht mir immer darum, in die Tiefe der Sätze vorzudringen. Dazu muss ich alles wegschlagen, was nur informativ ist. Für mich zählt kein Satz, der über den Satz hinaus nichts bedeutet. Das kann man meinem Schreiben vorwerfen. Aber es ist eine Arbeit, wie sie die Lyrik auch betreibt: Auf wenigen Worten viel Bedeutung zu transportieren, das ist mein Anliegen. Es ging mir schon immer mehr um die Sprache als um die Geschichte, wenn ich für eine Geschichte keine Sprache finde, dann existiert sie auch nicht. Alles hängt ab vom Ton.

Ich finde das insofern spannend, als du ja eigentlich vom Film kommst (Anm.: als studierter Drehbuchautor), einem Medium, das der Sprache fast entwachsen scheint.

Da würde ich eher sagen: Gerade weil ich vom Film komme, bin ich sprachfixiert. Natürlich haben sich filmische Techniken in mein Schreiben eingeprägt, ich denke bildhaft, orientiere mich in der Montage meiner Szenen sehr am Schnitt, operiere mit Rückblenden, die sich manchmal mitten im Satz auftun, mit Überblendungen. Aber interessiert hat mich in beiden Medien immer dasselbe: Wie kann ich erzählen, und was sind die Grenzen des Erzählens?

Gibt es denn schon ein nächstes Erzählprojekt? Oder bist du noch beschäftigt mit „Benzin“?

Es gibt gerade höchstens die Idee einer Idee, also einen vagen Gedanken (lacht). Denn ja, noch bin ich beschäftigt mit „Benzin“, obwohl die Halbwertszeit eines Buches ja immer geringer wird. Erst recht in Relation dazu, dass ich im Schnitt fünf Jahre für ein Buch brauche, in vier davon feile ich acht, manchmal zwölf Stunden pro Tag nur an der Sprache. Ich hatte das große Glück, viel Unterstützung in Form von Stipendien und Förderern zu finden, in NRW waren es die Kunststiftung NRW und das Land, in Köln durfte ich den Roman im Literaturhaus präsentieren. Das macht mich froh – und erst recht, dass „Benzin“ gut aufgenommen wurde. Von vielen ist es so gelesen worden, wie ich mir das gewünscht habe. Natürlich nicht von allen und das ist auch völlig in Ordnung. Aber ich bin froh und glücklich darüber, wie man über dieses Buch spricht.

Es war ein Vergnügen, mit dir darüber zu sprechen!

*** Alle Infos zu “Benzin” sind auf der Seite des Suhrkamp-Verlags abrufbar. Dort gibt es auch mehr zum vorherigen Roman “Moor” und zu seinem Debüt “Mensch Engel”. ***

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Kategorie: Interviews & Gespräche