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„Sendet Manuskripte!“ – in der Bibliothek mit den Gründern von Serie 945756

Jakob Stärker und Michael Lieth wollen es anders machen als die Anderen. Die beiden sitzen zwischen Tolstoi und Böll in der Bibliothek des Literaturhauses und erzählen von ihrer Vision modernen Verlagswesens. Zu dritt, mit einem weiteren Kompagnon, Max Hoffmann, haben sie die SERIE945756 gegründet, einen „Verlag für erste Literatur“. Und berichten, wie sich so ein Unternehmen an Feierabenden und Wochenenden realisieren lässt – und warum es ihnen ihre Freizeit wert ist.
Von Friederike Kneip

Stellt euch doch einmal kurz vor: Wer seid ihr und was macht ihr?

Jakob: Also: Wir, das sind Jakob, Michael und Max, und wir sind die Gründer der SERIE945756. Das ist ein Verlag für Erstlingswerke. Dieser kryptische Name rührt von der ISBN-Verlagsnummer, also der Kennnummer unseres Verlages her. Er soll dazu dienen, die Bücher und nicht den Verlag in den Vordergrund zu stellen. Ich kümmere mich vor allem um den Inhalt, Stichwort Lektorat. Michael und Max haben beide an der Köln International School of Design studiert und sind deshalb eher in den Gestaltungs-Sektor einzuordnen. Allerdings greift auch das zu kurz, da auch Max und Michael viel zwischen Design und Literatur pendeln.

Was war eure Motivation, einen Verlag zu gründen? Um so ein Projekt anzugehen braucht man ja schon einen starken Antrieb.

Jakob: Erstmal einfach Lust auf Literatur, klar. Und auch Lust, neue Wege zu entdecken. Unser Interesse besteht darin, Literatur als etwas für die Gesellschaft Relevantes zu begreifen – und wir können mit dem Verlag einfach entscheiden, welcher Literatur wir einen Raum bieten wollen und welcher nicht.

Michael: Genau: Perspektivisch soll der Verlag eine Plattform und Anlaufstelle für Literaturinteressierte sein. Wir wollen, dass bei uns über Literatur gesprochen wird, Austausch stattfindet. Das wäre unser Wunsch für die Zukunft, neue Formate begleitend zum Verlag etablieren, die Raum für Dialoge schaffen. Aber wir stehen ja gerade noch ziemlich am Anfang!

Auch wenn es um die Gestaltung der Bücher geht, versuchen wir, von dem Personenkult rund um die/den Autor*in wegzukommen. Der behagt uns irgendwie nicht. Wir wollen, durch unser reduziertes Design, den Fokus ganz auf den Text legen. Es geht nicht darum alles kategorisch anders zu machen, sondern Dinge so anzugehen, wie wir es für richtig halten. Klar fragen wir uns, wie radikal wir da sein können – aber noch sind wir ganz überzeugt von dem Konzept! (lacht)

Wir nennen ihn „Die SERIE“

 

Der Name ist ja, neben dem Design, auch sehr auffällig. Um nicht zu sagen: sperrig. Das habt ihr bewusst so entschieden?

(beide lachen)
Jakob: Jaja, gerade diese Sperrigkeit kann auch ein Alleinstellungsmerkmal sein, wobei das nicht die zugrundeliegende Motivation war. Wenn wir über unseren Verlag im Alltag reden nennen wir ihn auch „Die SERIE“. Das ist schon deutlich griffiger.

Michael: Wir haben länger überlegt, wie man dem Objekt Buch Aufmerksamkeit zuteil werden lassen kann, ohne dass Assoziationen das Bild verfälschen. Und das wollen wir ja gerade nicht: diese Prozesse, die im Vorhinein eines Buchkaufes ablaufen, noch befeuern. Wir finden den Namen eigentlich ziemlich slick! (lacht)

Der Verlag hat vor ca. 1 Jahr gestartet. Was ist seitdem passiert?

Jakob: Aktuell steht die Netzwerkarbeit im Vordergrund. Wir wollen von den Medien, vor allem natürlich in Köln, wahrgenommen werden, um neue Autor*innen auf uns aufmerksam zu machen.  Autor*innen, die ein Manuskript in ihrer Schublade liegen haben und vielleicht noch nicht wissen, wo sie damit hin sollen. Wir hoffen, dass die Öffentlichkeit uns dabei hilft, an die entsprechenden Manuskripte zu kommen.

Michael: Dann kommt auch sehr viel Setup-Arbeit dazu. Man muss über Vertriebswege nachdenken, die richtigen Ansprechpartner finden, und so weiter. Ach so, und wir drei machen das ja nebenberuflich, das heißt, die Arbeit findet an den Wochenenden oder in den Abendstunden statt. Aber der Wille ist ungebrochen! Und über das erste Manuskript, das wir veröffentlichen wollen, ist gerade entschieden worden. Aber das ist natürlich noch streng geheim …

 

Sehr, sehr viel gute Literatur

 

Und inhaltlich? Ihr wollt euch explizit auf Debüts konzentrieren – gibt es einen Grund für diesen Schwerpunkt?

Michael: Es ist ja so, dass bei größeren Verlagen nicht nur der Inhalt darüber entscheidet, ob ein Buch veröffentlicht wird. Sondern auch beispielsweise Gewinnüberlegungen. Das ist nachvollziehbar, aber dem wollen wir uns gar nicht erst aussetzen. Wir wollen bei den Autor*innen ansetzen, die es nicht in die großen Verlage schaffen. Wir glauben, dass sich da sehr, sehr viel gute Literatur verbirgt. Da haben wir gesagt: Hey, das ist doch schade, und irgendwie auch ernüchternd! Na ja, und dem wollen wir entgegenwirken.

Wie finanziert ihr euch bzw. die Projekte denn – wie ist es möglich, dass ihr unabhängig von Gewinnüberlegungen seid? Irgendwie muss eine Veröffentlichung ja zumindest auf Null herauskommen, oder?

Jakob: Also in erster Linie versuchen wir uns über Eigenkapital zu finanzieren. Aufgrund dessen, dass wir unser Leben noch mit normalen Brotjobs bestreiten fällt damit ein wesentlicher Faktor der Kosten vorerst weg. Ansonsten haben wir uns auch nicht ohne Grund entschieden, die Bücher lediglich als Paperback und in Schwarz-Weiß drucken zu lassen, sodass die Druckkosten möglichst gering bleiben und wir schneller zum Break-Even-Point gelangen. Uns ist bewusst, dass unser Unterfangen nicht ganz risikolos ist.

Gibt es Autorinnen und Autoren, die euch persönlich inspirieren und die inhaltliche Ausrichtung der SERIE bestimmen?

Michael: Natürlich gibt es persönliche Präferenzen, aber per credo ist der Verlag offen. Was die Form angeht, interessieren wir uns vor allem für Belletristik und Erzählungen. Ich persönlich lese gerne Christian Kracht, Hemingway, Thomas Bernhard, aber auch junge Autorinnen wie Kat Kaufmann. Alles, wo die leidende Seele spricht, mag ich echt gerne. Die Zweifler und Vor-dem-Abgrund-Steher… Aber damit bin ich wahrscheinlich nicht alleine. (lacht)

Jakob: Ich kann mich Michael nur anschließen, ich merke immer, dass mich Literatur anspricht, in der eine gewisse Dringlichkeit liegt und die Sprache nicht nur um sich selbst kreist.

Wir brauchen gute Manuskripte!

 

Konkret zu eurem Arbeitsalltag: Wie viele Manuskripte müsst ihr lesen?

Jakob: Also, bis jetzt ist es noch recht überschaubar. Es gibt Zusendungen von Autor*innen, die schon bei einem anderen Verlag veröffentlicht haben, und das geht dann ja leider gegen unser selbstauferlegtes Verbot (lacht). Deshalb ist auch die Öffentlichkeitsarbeit im Moment unser wichtigstes To-Do. Wir brauchen gute Manuskripte! Und sehen das Interview hier auch als kleinen Aufruf für Autoren an. Wir wissen, dass es eine große Hemmschwelle ist, den Schritt zu wagen und sein Manuskript an einen Verlag zu senden. Insofern vielleicht auch der Hinweis: Wir freuen uns über alle Zusendungen und widmen uns allen mit der gleichen Aufmerksamkeit. Also liebe Autorinnen und Autoren, sendet eure Manuskripte ein!

 

Wenn ihr euch etwas wünschen dürftet für die nächsten Jahre – wie würde sich die SERIE entwickeln?

Jakob: Das klingt jetzt simpel, aber ich wünsche mir ganz viele Manuskripte und Autoren, die man auf den ersten Schritten zum Buch begleiten kann und mit denen zusammen man etwas Neues entwickelt.

Michael: Mir geht es auch darum, Bücher rauszubringen, hinter denen wir inhaltlich stehen. Ideal wäre, wenn wir uns auch von der SERIE ernähren können. Wenn das Hobby zum Beruf wird, sodass wir nicht mehr nur das Geld, das wir anderswo erwirtschaften, in die SERIE stecken. Das wäre mein Wunsch auf lange Frist!

 

Die SERIE945756 ist eine Buchreihe, die die Veröffentlichung von Erstlingswerken anstrebt. Das Kölner Unternehmen steht kurz vor seiner Debüt-Veröffentlichung. Mehr unter www.serie945756.de

 

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  • Kategorie: Interviews & Gespräche