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„Kreuz und quer durch Köln“ – am Resopaltisch mit Elisabeth Noss

Köln, Kunstsalon, Kaffeeküche. Bald, sehr bald startet das Festival: Literatur in den Häusern der Stadt (21.-25. Juni 2017, es gibt noch Restkarten). Von hier aus, einem Backsteinbau in Raderberg, wird es organisiert – und entsprechend hat die neue Leiterin, Elisabeth Noss, gerade alle Hände voll zu tun. Lässt sich gut gelaunt in den Stuhl fallen. Betont mit angerauter Stimme, eigentlich überhaupt keine Zeit zu haben. Und nimmt sich dann trotzdem viel: Ein Gespräch über große Entdeckungen, schnelle Entscheidungen und volle Säle St. Augustin. 
von Tilman Strasser

Du bist seit Februar 2017 die Leiterin von „Literatur in den Häusern der Stadt“. Was hat Dich an der Stelle gereizt?

Ich war sehr inspiriert von einer Ausstellung, die das Museum Ludwig gemacht hat. „Hausbesuch“ hieß die. Man hat sich an der Museumstheke eine Karte gekauft, die zugleich eine Art Lageplan war. Und dann ging‘s mal in eine Künstler-WG im Agnesviertel, mal in eine Musterwohnung im Gerling Quartier. Das fand ich großartig: Du erlebst Kunst ganz anders, hast einen kleinen, intimen Rahmen — und noch dazu die Begegnungen mit den Leuten, die in diesen Räumen leben. Kurz darauf kam die Ausschreibung von „Literatur in den Häusern der Stadt“ und ich merkte, dass ich das unbedingt machen wollte. Es ist einfach ein besonderes Konzept.

Wie der Name sagt, bringt das Festival Literatur in Häuser und Wohnungen. Was wirst Du anders machen als deine Vorgängerin?

Ich hatte sofort total viele Ideen, was man in diesem Rahmen alles anstellen könnte. Die meisten werde ich aber erst nächstes Jahr umsetzen. Als ich kam, waren die meisten Entscheidungen schon getroffen und es ging auf die Zielgerade.

Überraschen Sie mich!

Kunstsalon, (c) A. Savin, CC-Lizenz
Kunstsalon, (c) A. Savin, CC-Lizenz

Versucht Ihr immer, eine Korrespondenz herzustellen zwischen dem, was gelesen wird, und wo’s gelesen wird?

Unbedingt. In meinen ersten vier Wochen bin ich kreuz und quer durch Köln gefahren, habe neue Gastgeber gewonnen und frühere, die wieder mitmachen wollten, besucht. Ich habe wahnsinnig viele Häuser und die Leute darin kennengelernt. Diese Eindrücke fließen natürlich stark in die Programmgestaltung ein. Unser Angebot ist ja bewusst heterogen, es gibt kein Oberthema. So können wir auch auf Impulse reagieren. Wir sind zum Beispiel viel in Galerien und Ateliers, und die dortigen Künstler haben oft Ideen, in welche Richtung sie gern einladen möchten. Oder was eine interessante Kombination mit der aktuellen Ausstellung wäre. Es gibt aber auch immer wieder Gastgeber, die sagen: Überraschen Sie mich!

Aber sicher kristallisieren sich trotzdem Schwerpunkte heraus?

Dieses Jahr wollten zum Beispiel viele das Thema Geflüchtete aufgreifen. Das werden ganz unterschiedliche Veranstaltungen: Mit der youngcaritas stellen wir eine szenische Lesung auf die Beine, „Ein Morgen vor Lampedusa“ von Antonio Umberto Riccò, inszeniert von Schauspielschülern aus Köln. Oder ein Zahnarztehepaar aus dem Agnesviertel, das sich sozial stark engagiert und die Thematik aufgreifen wollte: Da haben wir Bücher und Autoren herausgesucht und gemeinsam etwas erarbeitet. So läuft das typischerweise.

Das heißt, du scoutest Bücher und Gastgeber im Vorfeld parallel?

Ganz genau. Ich habe selbst lange im Verlag gearbeitet und von der anderen Seite aus Lesungen organisiert. Da weiß man natürlich, wie es läuft und auf welche Empfehlungen man sich verlassen kann.

Gespenstisch aktuell

Viele eurer Lesungen werden von Schauspielern bestritten …

Ich fände es nicht so toll, wenn jemand einen deutschsprachigen Autor liest, der noch lebt und eigentlich selbst kommen könnte. Aber manche Autoren aus Übersee können wir uns natürlich nicht leisten. Und bei alten Texten fragen wir die Leselizenz ab und finden junge Schauspieler vor Ort. Das sind aber oft auch wahnsinnig spannende Sachen. Zum Beispiel gibt es dieses Jahr ein Buch von Sinclair Lewis aus dem Jahr 1935, das gerade bei Aufbau wieder aufgelegt wurde. Es erzählt die Geschichte von einem Wirtschaftsdemagogen, der zum Präsidenten der USA aufsteigt und das ganze Land manipuliert — geradezu gespenstisch aktuell.

Wie findet ihr überhaupt die Ausrichtungsorte? Doch nicht alle über private Kontakte?

Die meisten kommen über den Kunstsalon, aber klar, jeder bringt auch den ein- oder anderen Kontakt mit. Das ergibt eine gute Mischung aus privaten und gewerblichen Gastgebern. Und ich glaube schon, dass viele Besucher*innen auch kommen, weil sie mal in ein anderes Wohnzimmer gucken wollen.

Das glaube ich auch.

Es gibt aber auch etwas zu sehen! Wir sind zum Beispiel auf einer Dachterrasse im vierten Stock, im Winterquartier des Circus’ Roncalli oder im Golf Club. In die großen Räume kommen natürlich auch die Blockbuster, da liest Denis Scheck die Neuübersetzung von Jane Austen. Je kleiner, desto mehr habe ich versucht, ein bisschen speziellere Sachen unterzubringen. Experimentell wäre allerdings zu viel gesagt.

Gemischtes Publikum

Und was ist dein Highlight?

Ich freue mich natürlich auf alles (lacht). Aber da viele Sachen leider auch parallel laufen, werde ich nicht alles erleben können. Ein kleines Herzensprojekt ist die erwähnte Dachterrasse, das ist die Wohnung einer Kollegin. Unsere Idee war, dafür ein altes Buch wieder zu entdecken. Ich habe „Guten Morgen, du Schöne“ ausgesucht, von Maxie Wander, kennst Du das?

Vom Namen her.

Ich habe es erst vor Kurzem gelesen. Maxie Wander hat 1977 mit zwanzig Frauen in der DDR gesprochen. Alle Altersgruppen, ganz verschiedene Berufe, und lange Interviews über ihre Lebenssituationen, Wünsche, Bedürfnisse. Das sind Porträts mit literarischer Kraft geworden, allein sprachlich: Du hörst den Duktus der einzelnen Personen, aber sie hat dem ihre ganz eigene Färbung hinzugefügt. Damals war es eines der erfolgreichsten Bücher überhaupt, ist fürs Theater adaptiert worden als eines der meistgespielten Stücke noch vor Heiner Müller. Dabei hat es zeitlose Qualitäten, stellt besondere Fragen — und ich hoffe, dass da auch etwas jüngere Leute hinkommen, denn für die lohnt sich die Entdeckung erst recht.

Altes Kulturproblem: Die jungen sind schwer zu kriegen. Oder?

Ich freue mich vor allem auf ein gemischtes Publikum. Das Festival hat eine treue Fangemeinde, die ist mir sehr wichtig. Klar will man möglichst alle ansprechen, aber ehrlich gesagt haben wir so gut wie kein Werbebudget. Dafür bin ich sicher, dass für jede Zielgruppe etwas dabei ist. Natürlich wäre es toll, wenn wir viel Nachwuchs anlocken, aber unsere Stammzuschauer*innen will ich unbedingt mitnehmen. Gerade in Köln ist die Lesungslandschaft ohnehin nicht einfach: Es gibt die übermächtige lit.COLOGNE, das Literaturhaus, auch viele spezifische Anbieter wie das King Georg

Interdisziplinär unterwegs

(c) Jürgen Schön
Elisabeth Noss, (c) Jürgen Schön

Dafür seid Ihr nicht an Aktualität gebunden und könnt nach Herzenslust alte Schätze heben.

Stimmt. Obwohl ich es schon auch als Kernaufgabe des Festivals sehe, junge Autorinnen und Autoren zu fördern und auch mal Debütanten zu präsentieren.

Mit Blick auf das Programm der letzten Jahre: Das klappt aber nicht immer.

Absolut, das könntest Du auch beim Blick auf das Programm von diesem Jahr noch sagen. Trotzdem ist das unser Wunsch, und nächstes Jahr sieht’s vielleicht schon anders aus. Fakt ist, dass auch die Erwartungshaltung an Lesungen durch den Boom der Hörbücher und andere Faktoren sehr gestiegen ist. Wenn Du also Gastgeber und Publikum begeistern willst, ist es von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, dass dein Autor nicht nur gut schreibt, sondern auch gut vorträgt. Und manchmal wollen die Menschen eben lieber einen Namen, mit dem sie schon etwas anfangen können. Aber wenn man so durch die Listen der letzten Jahre blättert, findet man schon einige, die zum Beispiel mit ihren Debüts da waren — und jetzt einen solchen Namen haben.

Gibt es eigentlich Pläne für interdisziplinäre Projekte? Der Kunstsalon macht ja auch „Musik in den Häusern der Stadt“, das ließe sich sicher prima verbinden …

Ich fände das super und ich glaube, meine Kollegin auch. Aber auch das ist ein Thema für das nächste Mal. Wir sind ja gleichzeitig gestartet und haben uns gleich bewusst gegen Experimente entschieden, sonst wären die Festivals in dieser kurzen Zeit überhaupt nicht machbar gewesen. Außerdem: Durch die Nähe zur Kunst, die ja häufig gegeben ist, sind wir ja schon gewissermaßen interdisziplinär unterwegs.

Stimmt. Was ich bei vielen dagegen Lesungen vermisse, ist eine Moderation. Entscheidet Ihr euch bewusst dagegen?

Tatsächlich ist es bislang so gewesen, dass die pure Lesung im Vordergrund stehen soll. Wenn wir groß und reich werden, fänd ich’s aber prima, ab und zu eine Moderation dazu zu nehmen (lacht). Im Kunstsalon gibt es ja immer den jour fixe, das ist ein kleiner Teaser aufs Festival. Und da war neulich Volker Kutscher da, und Maren Gottschalk hat moderiert. Die sind fast gar nicht zum Lesen gekommen, weil sie sich so gut unterhalten haben über seine Art, zu arbeiten, und seine Person.

Der ist ja auch sehr nett.

Supernett! Und es war superinteressant. Ansonsten ist während des Festivals natürlich immer jemand vom Team vor Ort, aber dass sich einer als Moderator hinstellt, wird eher selten sein. Allerdings ist die Idee ja ohnehin, dass es das moderierte Gespräch auf der Bühne gar nicht braucht — weil die Künstler ja noch bleiben und in private Gespräche eintauchen.

Wir fahren nach St. Augustin

Zu guter Letzt: Wie siehst Du die Literaturstadt Köln? Du erwähntest vorhin, dass Literaturveranstalter es hier nicht gerade einfach haben. 

Köln ist eben unglaublich geprägt durch die lit.COLOGNE. Das hat Vorteile, in meinen Augen aber auch einige Nachteile. Die lit.COLOGNE hat inzwischen solche Strahlkraft, dass sie alles darum herum schwieriger macht. Andererseits: Wenn ich sehe, wie viele Leute dorthin gehen, freue ich mich auch, dass solche Mengen mit Lesungen zu ködern sind. In dieser Hinsicht ist man ja nicht gerade unterversorgt. Wenn ich früher selbst mit Autoren Lesungen geplant habe, habe ich immer gesagt: Lass uns nach Münster, Bielefeld, Braunschweig, wir fahren nach St. Augustin. Klingt nicht so gut wie München, Hamburg, Berlin, aber die Säle sind doppelt so voll und die Hörerinnen und Hörer doppelt so begeistert. Aber mir persönlich liegt die Stadt Köln einfach am Herzen.

Warum?

Weil ich Rheinländerin bin! Durch und durch. (lacht)