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„Alle lachen“ – im Café Fleur mit Land in Sicht

Köln, Belgisches Viertel: Wackeltisch reiht sich an Grünpflanze, Mediengestalter hipstern vorüber und ewig dröhnt der Rudolfplatz. Das Café Fleur liegt zentral im Szenekiez – und ist ein Ort für junge Literatur geworden: Monatlich findet hier die Lesereihe Land in Sicht statt. Die Macher*innen Melissa Steinsiek-Moßmeier, André Patten, Kevin Kader und Mario Frank schlürfen Schorle.
von Tilman Strasser

Land in Sicht läuft! Die Reihe scheint eine Lücke zu füllen, die vorher im Kölner Kulturleben klaffte. Habt ihr das vorausgesehen?

— (Keiner spricht. Alle lachen.)

Mario: Na gut, dann fange ich an.

André: Sehr gut! Die erste Ansage.

Mario: Ich würde sagen, das Projekt ist eher aus Eigenbedarf entstanden. Wir haben gesehen, dass es einfach nicht viele Bühnen für junge Autorinnen und Autoren gibt. Von der positiven Resonanz waren wir aber selbst überrascht.

Kevin: Zu dem Zeitpunkt gab es mit dem Literaturklub und HELLOPOETRY! zwei vergleichbare Angebote in Köln. Die fanden aber nicht so regelmäßig statt und hatten vor allem jeweils einen anderen Fokus. Uns fehlte einfach eine Veranstaltung, die ohne spezielle Programmatik junge Stimmen bündelt.

André: Und zwar junge Stimmen von überallher – und zugleich immer auch aus Köln und dem Kölner Umland. Der Austausch junger Autorinnen und Autoren, die noch nicht mehrere Bücher veröffentlicht hatten, fand ganz selten in Köln statt. Wir wollten die Szene beleben und die Reihe zu einem Treffpunkt machen, auch damit junge Schreiberinnen und Schreiber aus Köln Gleichgesinnte aus Hamburg, München, Berlin und deren Texte kennenlernen können.

Was heißt denn „jung“? Geht’s um eine Altersgrenze oder eine bestimmte Art von Literatur?

André: Beides, irgendwie. Ist natürlich ein schwieriger Begriff. Wir wollen Leuten eine Bühne bieten, die in Literatur ein Lebensziel sehen, aber noch am Anfang stehen. Die vielleicht schon hier und da etwas veröffentlicht haben, aber noch nicht vollkommen etabliert sind. Die dem Publikum zeigen können: Was ist vielleicht ein aktuelles Thema, was ist vielleicht ein aktueller Stil.

Wie findet ihr die denn, diese Leute?

André: Da gibt’s alle möglichen Varianten. Man kann uns zum Beispiel Texte schicken. Momentan allerdings nicht: Es wurde sehr viel eingesandt und wir müssen erstmal wieder mit dem Programm hinterherkommen (Anm.: Inzwischen werden doch wieder Einsendungen entgegengenommen, hier). Dann lesen wir natürlich selbst Anthologien und Zeitschriften, gehen auf Lesungen und machen uns gegenseitig Vorschläge: XY wäre doch toll. Und dann gibt es natürlich Verlage, die uns anschreiben.

Auch mal ‘nen Autor nicht bekommen?

André: Klar. Aber der Fokus liegt ja weniger auf Kalibern, die sonst vom Literaturhaus Köln zum Literaturhaus München weitergereicht werden. In Ausnahmefällen haben wir die auch mal da. Doch es gab natürlich Fälle, in denen jemand gesagt hat: Für das Honorar komme ich nicht.

Apropos Honorar: Mit dem Eintrittspreis werdet ihr wahrscheinlich kaum die Fahrtkosten von vier Lesenden deckeln können. Fühlt ihr euch von öffentlicher Seite gut gefördert?

Kevin: Das ist eine Frage, auf die man schlecht mit ‚Nein‘ antworten kann. Auch nicht mit ‚Ja‘, das hieße schließlich, wir bräuchten nicht mehr. Also: Ohne Förderung wäre das Ganze nicht möglich. Und wir bekommen glücklicherweise welche. Natürlich müssen wir mal persönliche Kontakte bemühen und privat über Gage, Anfahrt, Unterkunft reden, damit wir das Budget effektiv nutzen. Die Sache wäre einfacher und sicherer, wenn man mehr bekäme. Um es vielleicht so zu sagen.

Ich frage, weil „Kabeljau & Dorsch“ immer wieder über mangelnde Förderung geklagt hat. Die baugleiche junge Lesereihe in Berlin hat deshalb sogar zwischenzeitlich schon den Laden zugemacht. Droht euch das auch?

André: Die Förderstruktur in Köln ist eine andere. In Berlin sind Folgeanträge knifflig: Wenn du einmal Geld bekommen hast, ist es oft so, dass du im nächsten Jahr nichts mehr kriegst, weil es so viele Projekte und Anträge gibt. Da ist es Prinzip geworden, nicht zweimal dasselbe zu fördern, und so enden auch Reihen, die sehr gut gelaufen sind. Hier gibt es das Kulturamt, und wenn die der Meinung sind, man soll das im nächsten Jahr weiter machen, dann helfen sie mit.

Und dadurch gibt es die Reihe jetzt schon über zwei Jahre. Es waren alle toll, werdet ihr sagen, alle, die jemals da waren – aber welches war eure Lieblingsperformance? Melissa, du hast noch gar nichts gesagt!

Melissa: Ich wollte mich auch gerade wieder ausklinken. Ich bin ja noch nicht so lange dabei …

— Die Chefin des Café Fleur tritt an den Tisch, in der Hand einen Bierdeckel mit offenen Getränken.

Chefin: Wann zahlt ihr den? Drinnen liegt noch so einer!

Kevin: Die Tage?

Chefin: Die Tage, so, wie du das letzte mal die Tage bezahlt hast?

Kevin: Also, das letzte Mal hab ich …

Chefin: Da waren es eher die Wochen und nicht die Tage.

Kevin: Ich bezahl den Deckel nachher.

Chefin (besänftigt): Kann auch Dienstag, Mittwoch, Donnerstag werden. Ich will nur nicht nächsten Monat …

Kevin: Klar.

Darf ich das mit reinnehmen?

Mario: Schneid es am Besten nach die Frage, wie wir uns gefördert fühlen.

(Alle lachen)

Melissa: Jedenfalls fällt mir jetzt spontan nur ein Autor ein, der mit starkem süddeutschem Akzent gelesen hat. Das ist mir so im Gedächtnis geblieben, weil ich vom Text absolut nichts aufnehmen konnte. Weil er das ‚r‘ so stark gerollt hat. Das hat mich total rausgehauen.

Mario: Das war Joseph Felix Ernst! Den hätte ich auch genannt, wenn’s um Performance geht, weil er seine Lesung in Kölsch-Gläsern gemessen hat. Er ging mit drei großen Kölsch auf die Bühne und hat den Pegel dann sukzessive runtergetrunken. Bis zum letzten Wort und dem letzten Schluck. Muss außerdem an Rick Reuther denken, weil der sich so in Rage gelesen hat, aufgestanden ist, gestikuliert hat, voller Power: Der war so drin, der war gar nicht mehr hier. Ziemlich abgefahren. Und Wolfram Lotz fand ich toll, obwohl der ganz zurückgenommen performt hat. Aber der Text! Großartiger Text.

Kevin: Wenn ich einen Namen nennen sollte, und wahrscheinlich würde ich morgen einen anderen nennen und übermorgen wieder einen anderen, aber wenn ich jetzt einen Namen nennen sollte: Mir ist als erstes Martin Piekar in den Sinn gekommen. Den Auftritt fand ich auf vielen Ebenen stark. Aber wie gesagt, morgen würde ich schon wieder anders entscheiden.

Jetzt musst du noch, André.

André: Ich hab da keine Lieblingsperformance.

Kevin: Komm mal. Meinung. Klare Kante.

— (Alle lachen)

Erste Konflikte brechen auf.

André: Nee, ich hab wirklich keine Präferenz. Das Format beruht ja auch auf dem Gesamterlebnis und der Abwechslung. Die, die ihr beschrieben habt, treten sehr extrovertiert auf, das ist auch prima so. Aber wir wollen zugleich Leuten Raum bieten, die nicht so eine Bühnenpräsenz haben, wo aber der Text gut funktioniert. Das ist genauso wichtig und natürlich sehr häufig passiert. Ich würde jetzt einfach ungern einen Namen nennen.

Kevin: Schade, dass keiner ‚Tilman Strasser‘ gesagt hat.

— (Alle lachen)

Ja, das wird das Interview auf jeden Fall beeinflussen.

André: Ich habe ‚Tilman Strasser‘ damals gar nicht gesehen.

Melissa: Ich auch nicht.

Tja, schade, Kevin.

Mario: Eigentor.

— (Alle lachen)

Ihr habt vorhin davon gesprochen, dass ihr bei der Gründung der Reihe auch an eine Szene gedacht habt. Jetzt gründen sich gleich zwei Schreibstudiengänge in Köln, an der KHM und der Uni. Ist Köln als literarischer Standort auf dem aufsteigenden Ast?

Kevin: Ich glaube, der Hoffnung kann man sich hingeben!

Was macht ihr, um dem Rechnung zu tragen? Gibt’s neue Projekte oder bleibt erstmal alles, wie es ist?

André: Naja, ein Zusatzprojekt gab es ja schon: Gemeinsam mit Cheers For Fears und dem Schauspiel Köln haben wir das Auftakt Festival ins Leben gerufen. Da wurden szenische Texte präsentiert, über die Möglichkeiten szenischer Lesungen nachgedacht. Und gerade sind wir dabei, zu planen, wie wir das nächstes Jahr weitermachen. Auf jeden Fall wird es nicht ganz genauso laufen wie diesmal. Die Lesereihe an sich lassen wir aber unangetastet, die funktioniert und soll auch so weiterlaufen. Es gibt nur die Überlegung, die letzte Lesung im Juni nach draußen zu verlagern.

Melissa: Als Saisonabschluss. Und Sommeranfang. Und Sommerfeier.

Mario: Genau.

Kommt mir überhaupt so vor, als sei das Drumherum mindestens so wichtig wie die Lesungen selbst. Also: Das Trinken, Rauchen, Quatschen, davor, dazwischen und danach. War das so intendiert?

Kevin: Mindestens so gern, wie ich Literatur lese oder höre, rede ich darüber! Und dir geht’s ja offenbar ähnlich. Ich würde also schon meinen, dass das der Plan war, und dass die Reihe auch an einem Ort stattfinden musste, der zum Austausch einlädt. An dem man auch mit den Autorinnen und Autoren noch in Kontakt kommt. Dazu laden wir immer ausdrücklich ein.

Das Café Fleur ist sicher eine tolle Wahl. Wie seid ihr überhaupt darauf gekommen?

Mario: Ich hab einen guten Freund, der sehr viel hier ist.
(Alle kichern)
Und die Atmo fand ich immer schon angenehm.

André: Tatsächlich haben wir lange überlegt, was wir für eine Location brauchen, die all das bietet, die günstig liegt und diese Geselligkeit ermöglicht. Und das Café Fleur ist, würde ich mittlerweile sagen, der ideale Ort.

Das ist vielleicht das ideale Schlusswort. Oder gibt’s noch etwas, das ihr sagen wollt?

André: Du könntest erwähnen, dass Land in Sicht Teil der Initiative Junge deutschsprachige Lesereihen ist.

Mario: Und ich hab noch eine Titelidee: Alle lachen.

— (Alle lachen)

 

Land in Sicht ist eine Lesereihe für junge Literatur in Köln. Monatlich lesen drei bis vier AutorInnen im Café Fleur in der Lindenstraße 10. Präsentiert werden literarische Texte aller Art, ob Lyrik, Prosa, dramatische Texte oder literarische Essays. Redaktion: Charlotte Dresen, Mario Frank, Kevin Kader, André Patten, Melissa Steinsiek-Moßmeier. Ehemalige: Franziska Haag, Lara Schmitz, Jenny Weiß