« Alle Magazinbeiträge

„Ich bin ganz vergnügt“ – im Café mit Paula Döring

Die Spannung steigt: Kölns Krimifestival geht im Herbst in eine neue Runde. Eine Woche lang bespielt die Crime Cologne Theatersäle wie Institute wie Restaurants, doch Programmleiterin Paula Döring ist (noch) entspannt, als sie sich im Café Central an den Tisch setzt – auf ein Gespräch über Alliterationen, Donna Leon und den Düsseldorfer Blick.  
von Tilman Strasser

Du bist die neue Programmleiterin der Crime Cologne …

Gar nicht mehr so neu! Es ist mein zweites Jahr, außerdem habe ich bereits ganz am Anfang schon einmal mitgearbeitet, aber da war die Crime Cologne noch nicht so groß wie heute und anders aufgestellt.

Inwiefern?

Das Festival steckte noch in den Kinderschuhen. Es gab für Verlage zudem die Möglichkeit sich parallel zu den Lesungen mit Verkaufsständen zu beteiligen. Mittlerweile sind wir ein reines Lese-Festival. Das Schöne an der Crime Cologne ist aber nach wie vor, dass wir ein kleines Team sind. Das Programm erarbeite ich in enger Absprache mit den Festivalleitern Hejo Emons und Achim Mantscheff und mit den Verlagen, die uns ihre Titel und Autorinnen und Autoren vorschlagen. Genau zur dritten Crime Cologne bin ich in Elternzeit gegangen und ein Kollege hat übernommen. Als ich 2016 gefragt wurde, ob ich’s nochmal machen würde, habe ich sofort zugesagt. Veranstaltungen, der Organisationstrubel vor und während des Festivals haben mir total gefehlt, da ich ursprünglich aus dem Veranstaltungsbereich und der PR komme! Ich liebe es mit vielen Menschen zusammen zu arbeiten. So ein Festival ist wie ein Puzzle. Am Ende hat sich dann – hoffentlich – alles sinnvoll zusammengefügt und alle sind erschöpft, aber sehr glücklich. 2012 habe ich bei emons mit den Autorenlesungen angefangen und mittlerweile kümmere ich mich parallel zur Crime Cologne dort um die Lizenzen. Da die Crime Cologne natürlich nicht nur ein Nebenjob ist, wollte ich es richtig machen.

Abends noch eineinhalb Stunden Social Media

Ich komme noch mit. Was meinst Du mit „richtig machen“?

2016 war Jubiläumsjahr, deswegen gab’s fast doppelt so viele Veranstaltungen. Die Resonanz hat gezeigt, dass diese Menge nicht unbedingt sinnvoll ist, man stibitzt sich selbst Publikum mit zu vielen parallel laufenden Lesungen an einem Abend. Deshalb haben wir 2017 das Programm reduziert, aber dafür drei Monate früher veröffentlicht, es inhaltlich präziser gestaltet und Formate wie „Dine&Crime“, Lesungen die mit einem thematisch passenden Dinner abgerundet werden, entwickelt. Die Lesungen finden nun wieder gebündelter im Kölner Zentrum statt, die Buchhandlungen sind wichtige Partner und wir haben besondere Orte wie die Rechtsmedizin, den Sancta Clara-Keller oder das Bestattungshaus Kuckelkorn im Programm.

Und, hat’s geklappt?

Ich bin ganz vergnügt (lacht). Tatsächlich waren wir 2018 schon in den Wochen vor dem Festival zu 90% ausverkauft und der Vorverkauf jetzt ist gut gestartet. Man darf nicht vergessen: die Stadt Köln unterstützt uns, auch der mit 3.000 Euro dotierte Crime Cologne Award wird von der Stadt Köln gefördert. In den ersten Jahren hatten wir das Glück, die freien Plakatflächen zu bekommen. 2017 hat das leider nicht geklappt und wir konnten nicht einschätzen, welche Auswirkungen die geminderte Sichtbarkeit haben würde. Die ließ sich aber bisher wunderbar durch soziale Medien auffangen. Ich weiß ja nicht, wie’s Euch im Literaturhaus geht, aber ich war überrascht: Ein sinnvoller facebook-Post, das gezielte Einstellen von Veranstaltungen und die Vernetzung mit den Verlagen hat viel gebracht, wir können das direkt an den Verkaufszahlen messen. Und Instagram ist der Wahnsinn!

(c) Maya Claussen

Wir machen kein Instagram.

Ihr MÜSST Instagram machen.

Ja?

Ja! Ist übrigens superviel Arbeit. (lacht)

Bei uns [im Literaturhaus Köln, Anm. d. Red.] ist’s auch ziemlich abhängig von der Zielgruppe. Ein Édouard Louis läuft super über facebook, ein Norbert Scheuer nicht. Interessant, dass Krimi-Freunde durch die Bank so netzaffin sind!

Hätte ich in dem Ausmaß auch nicht gedacht. Man bekommt dort schönes und schnelles Feedback und kann sich mit den Autorinnen und Autoren und Fans austauschen. Aber dafür mache ich abends eben immer noch eineinhalb Stunden Social Media.

Machst Du alles selbst?

Um Gottes Willen! (lacht) Nein, wir sind ein kleines, aber feines Team: Gemeinsam mit den Festivalleitern mache ich das Programm, suche die Locations, die Moderator*innen und die deutschen Stimmen. Hannah Naumann verantwortet die Text-Redaktion, betreut die Website und gemeinsam kümmern wir uns um das Programmheft, die Anzeigen-Akquise und Social Media, mittlerweile haben wir hier aber auch Unterstützung. Mein Kollege Dominic Hettgen macht die Pressearbeit. Wichtige Partner sind Achim und Gaby Mantscheff mit ihren Kölner Cafés und Restaurants – ohne die beiden und ihr Team wär unsere Reihe „Dine&Crime“ nicht möglich, da wir so im Ludwig im Museum, im Café Central oder im Stanton auf eine logistisch perfekte Infrastruktur und viel Erfahrung zurückgreifen können. Während des Festivals helfen die Kolleginnen und Kollegen vom emons Verlag tatkräftig bei den einzelnen Lesungen mit, unterstützen beim Einlass und übernehmen die eine oder andere Anmoderation.

Nichts zu essen bekommen

Bleibt sicher trotzdem noch genug. Aber sag: Bist Du eigentlich mit dem Namen des Festivals zufrieden? Ich hadere ja mit dem Schema: Art Cologne, lit.COLOGNE, Crime Cologne …

Och. Ich finde die Alliteration gut, und es hat sich ja jetzt eingeprägt. Und wir sind eben ein Kölner Festival an tollen Kölner Orten, das passt schon. Das Layout haben wir 2018 neu entwickelt, zusammen mit der Grafikerin Anja Sauerland. Das alte lehnte sich an eine B-Movie-Film-noir-Ästhetik an, die gefiel uns, aber manchmal tut ein wenig Modernisierung ganz gut und mit dem neuen Logo schauen wir vergnügt dem verflixten 7. Jahr entgegen.

Zumindest das Programm hast Du schon mal frisiert. Gab’s etwas, das Dir nicht gelungen ist?

Na, ich hätte total gerne nochmal Donna Leon geholt! Aber die war leider 2017 beim lit.COLOGNE-Spezial und pausiert 2018 mit Lesereisen. Das tut schon ein bißchen weh! Doch ich schaue sowieso lieber nach vorne: Mal gucken, wer 2019 so vorbeischaut …

Du kannst aber sowieso nie alle Veranstaltungen selbst erleben, oder?

Nicht annähernd. 2017 Jahr waren es 32, 2018 werden es 42 Veranstaltungen sein. Hinzukommt, dass wir 2018 erstmals eine Kooperation mit den Krimitagen Aachen haben. Ich habe bisher auch alle Dine & Crime-Lesungen im Café Central verpasst. Und nichts zu essen bekommen!

Nicht okay. Aber wir müssen noch ein Geheimnis enthüllen. Privat kommst du literarisch eigentlich aus einer ganz anderen Ecke …

Das ist gemein. (lacht)

Aber eigentlich doch eine prima Ausgangsbasis: Du musst ein Festival machen, dass dich selbst begeistert – obwohl Du in dem Genre gar nicht zuhause bist.

Gelesen habe ich immer viel, ich bin aber eher mit klassischer Literatur und Klassikern groß geworden, Krimi habe ich erst später für mich entdeckt und habe hier noch immer einiges aufzuholen. Ich lese ein bisschen breiter und überlege, was thematisch interessant sein könnte, was nah am Zeitgeschehen ist und wo es Schnittstellen zu anderen Gattungen gibt. Aber natürlich lese ich Krimis, alle von Friedrich Ani zum Beispiel, der 2018 seine Premierenlesung moderiert von Christine Westermann bei uns haben wird. Und seitdem ich das Programm mitgestalte, lese ich natürlich berufsbedingt noch viel mehr Krimis, ich würde sie nur abends nicht immer als Nachtlektüre mit ins Bett nehmen … Beim Film kann man sich wenigstens die Augen zuhalten! Das geht bei einem Buch nicht.

Hilft zumindest nicht. Und trotzdem liest Du so viel!

Klar, sonst wäre ich auch im falschen Beruf (lacht). Privat lese ich klassische Romane, Familienromane, Gesellschaftsromane. Und tatsächlich auch viel Sachliteratur, durch mein Studium: Wissenschaftliche Texte, philosophische Texte …

Moment. Du studierst noch?

Nee, ich bin Gottseidank seit letztem August fertig.

Was? Herzlichen Glückwunsch!

Danke! Ich habe Philosophie und Germanistik neben der Arbeit studiert. Und davon abgesehen, jetzt noch den Master draufzusetzen wäre einfach ein bisschen viel geworden …

Die Krimi-Bahn fährt wieder

Dein größter Balanceakt ist aber doch eigentlich ein anderer: Du kommst ursprünglich aus Düsseldorf.

Ein bisschen lustig, oder? Eine Düsseldorferin als Programmleiterin eines Kölner Krimifestivals. Ich arbeite seit zwölf Jahren in Köln, bin aber lange gependelt. Seit ich wegen des Studiums nach Köln gezogen bin, bin ich viel umgezogen, wie wahrscheinlich alle hier. Inzwischen habe ich aber die richtige Ecke für mich gefunden und mich mit Köln angefreundet. Klar bin ich im Herzen Düsseldorferin. Aber allein, dass man hier jeden Abend etwas unternehmen kann, ist schon viel wert.

Meine These ist ja: So, wie Du als, sagen wir, Neu-Krimi-Leserin ein Gespür für Krimis hast, hast Du als Düsseldorferin ein Gespür fürs Kölner Publikum.

Ha, ich weiß nicht. Dem Rheinländer sagt man doch allgemein nach, dass er guter Dinge ist. Die Kölner haben große Lust, rauszugehen, sich zu verabreden, etwas zu erleben. Hier gibt es ein unglaublich großes Kulturangebot, und es funktioniert doch fast alles. Weil das Publikum ein unternehmungslustiges ist, offen für verschiedene Sachen, das finde ich total gut.

Worauf kann sich die unternehmungslustige Kölnerin und der unternehmungslustige Kölner denn 2018 auf der Crime Cologne freuen?

Wir haben unsere Reihe Dine&Crime stark ausgebaut und das Ludwig im Museum mit Oliver Bottini und einem Balkan-Abend oder das Stanton mit Bernhard Aichner und einem Österreich-Abend im Programm. Der Buchladen Neusser Straße ist mit den Premierenlesungen von Susanne Saygin und Max Annas dabei, gemeinsam mit der Mayerschen am Neumarkt machen wir Lesungen mit Stars wie Chris Carter, Nicci French, Arne Dahl oder Jens Henrik Jensen. Die Newcomerin Olivia Kiernan liest im Sancta Clara-Keller, wo auch Melanie Raabe lesen wird. Und die Literaturbloggerin Karla Paul und der Moderator Günter Keil stellen im Rautenstrauch-Joest Museum ihre neue Talkreihe mit Überraschungsgästen vor. Alexander Oetker liest im Institut francais, es gibt einen True Crime Abend in der Rechtsmedizin, die KVB Krimi-Bahn fährt wieder und wir laden gemeinsam mit der Kölner Honorarkonsulin der Niederlande zu einem Niederländischen Abend im Literaturhaus ein. Leider können wir nicht immer alles umsetzen, oft liegt das dann doch am Geld. Gerne hätte ich eine Film noir-Reihe gemacht, mit Lesungen aus Raymond Chandler-Büchern. Die ich übrigens auch alle gelesen habe … Wir hatten auch die Idee, erst eine Lesung aus einem der Chandler Krimis zu hören und dann im Kino den entsprechenden Film zu sehen. Aber die Verleihgebühren sind leider noch zu hoch. Vielleicht nächstes Jahr, ich gebe nicht auf!

Vielen Dank für das Gespräch! 

***Die Crime Cologne findet 2018 in der ersten Oktober-Woche statt. Karten sind erhältlich über www.koelnticket.de . Weitere Infos unter www.crime-cologne.com***